Der Fisch, der in die Harnröhre schwimmt – das war das Letzte, womit ich beim Scrollen gerechnet hätte. Ich wollte eigentlich nur ein bisschen durchs Internet schauen. Nichts Besonderes.
Ein paar Nachrichten, ein bisschen Facebook, hier klicken, dort hängenbleiben – ihr kennt das.
Und dann landete ich bei einer Bilderstrecke über „furchterregende und gefährliche Unterwasserbewohner“. Das hätte bereits Warnung genug sein können. Aber nein.
Natürlich klickte ich weiter. Bis zum Candiru.
Ich las, dass dieser kleine Süßwasserwels im Amazonasbecken lebt. So weit, so unspektakulär. Dann kam allerdings der Teil, bei dem ich vermutlich denselben Gesichtsausdruck hatte wie jemand, der gerade entdeckt hat, dass eine Spinne unter seiner Bettdecke wohnt.
Kleine Exemplare, so hieß es dort sinngemäß, würden in die Harnröhre ahnungsloser Schwimmer eindringen, sich dort mit Widerhaken festsetzen und anschließend ihren Wirt von innen auffressen. Bitte was?
Ich las den Absatz noch einmal. Nein. Ich hatte mich nicht verlesen.
Also tat ich, was ich in solchen Situationen inzwischen immer tue. „Nova! Sag mir bitte, dass das Blödsinn ist.“ Nova brauchte nicht lange. „Der Fisch existiert.“ „Das war nicht meine Frage.“ „Er ist außerdem ein Parasit.“ „Nova!“ „Aber die Geschichte mit der menschlichen Harnröhre ist erheblich komplizierter.“
Na wunderbar. Genau deshalb liebe ich das Internet. Man beginnt mit einer harmlosen Bilderstrecke und landet zehn Minuten später bei der wissenschaftlichen Frage, ob ein kleiner Amazonaswels Menschen in Körperöffnungen kriecht.
Den Candiru gibt es wirklich
Das Gemeine an guten Horrorgeschichten ist, dass sie meistens irgendwo einen wahren Kern besitzen. Der Candiru ist keine Erfindung. Unter dem Namen werden verschiedene kleine Welse aus dem Amazonasgebiet bezeichnet; besonders berüchtigt ist Vandellia cirrhosa.
Einige dieser Fische ernähren sich tatsächlich vom Blut anderer Fische. Und ihre Methode ist durchaus geeignet, den Appetit aufs Schwimmen etwas zu reduzieren.
Der Candiru sucht normalerweise größere Fische auf, dringt in deren Kiemenbereich ein und kann sich dort mithilfe von Strukturen beziehungsweise Stacheln im Kiemenbereich festhalten. Dann ernährt er sich vom Blut seines Wirts. Das allein hätte mir als Gruselgeschichte vollkommen gereicht.
Aber irgendwann muss jemand gesagt haben: Da geht noch was. Und damit kommen wir zur menschlichen Harnröhre.
Eine Legende, die fast 200 Jahre alt ist
Die Geschichte ist keineswegs eine Erfindung des Internets. Bereits im 19. Jahrhundert berichteten europäische Reisende und Naturforscher von Erzählungen aus dem Amazonasgebiet, nach denen Candirus in menschliche Körperöffnungen eindringen könnten.
1829 schrieb der deutsche Naturforscher Carl Friedrich Philipp von Martius über entsprechende Berichte. Später tauchten weitere Geschichten auf. Besonders hübsch – wenn man dieses Wort in diesem Zusammenhang überhaupt benutzen darf – ist die Vorstellung, der Candiru werde von Urin angelockt.
Daraus entwickelte sich eine Geschichte, die bis heute erzählt wird: Ein Mann steht im Amazonas, uriniert ins Wasser und der Candiru erkennt seine große Chance. Angeblich folgt er dem Urin und schwimmt in die Harnröhre. Ich musste Nova an dieser Stelle noch einmal unterbrechen. „Moment.
Der schwimmt den Urinstrahl hoch?“ „Das wurde tatsächlich behauptet.“ „Gegen die Schwerkraft?“ „Unter anderem deshalb haben Wissenschaftler gewisse Zweifel.“ Immerhin.
Schon eine wissenschaftliche Untersuchung der historischen Berichte aus dem Jahr 1930 beschäftigte sich ausführlich mit der angeblichen Penetration der menschlichen Harnröhre durch Candirus. Das Thema ist also keineswegs eine moderne Internetlegende. Wissenschaft und Medizin schleppen diese Geschichte schon erstaunlich lange mit sich herum.
Aber wird der Candiru wirklich von Urin angelockt?
Genau das wollte irgendwann glücklicherweise jemand ausprobieren. 2001 untersuchten Forscher das Fressverhalten blutsaugender Candirus. Sie setzten die Tiere verschiedenen möglichen chemischen Lockstoffen aus – darunter Ammoniak, Aminosäuren, Fischschleim und tatsächlich auch menschlichem Urin. Die Candirus zeigten darauf keine entsprechende Reaktion.
Auf lebende Fische dagegen schon.
Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass die Tiere ihre Wirte offenbar wesentlich stärker über visuelle Reize finden, als es die alte Urin-Geschichte vermuten lässt. Damit bekommt die berühmte Vorstellung vom kleinen Fisch, der irgendwo im Amazonas plötzlich denkt: „Aha! Da pinkelt jemand!
Attacke!“, schon einmal ein erhebliches Problem.
Aber damit ist die Geschichte leider noch nicht ganz erledigt. Denn es gibt diesen einen Fall. Natürlich gibt es diesen einen Fall.
1997 geschah etwas Merkwürdiges in Brasilien
1997 berichtete ein brasilianischer Mann, beim Urinieren im Wasser sei ein Fisch in seine Harnröhre eingedrungen. Ein Urologe entfernte später tatsächlich einen Fisch. Es existierten Aufnahmen der Behandlung, Fotos und sogar ein konserviertes Exemplar.
Und genau hier wird die Sache richtig interessant.
Denn zunächst könnte man sagen: Fall erledigt. Candiru in Harnröhre. Mythos bestätigt.
Nur passten einige Dinge nicht besonders gut zusammen. Der entfernte Fisch soll etwa 13 Zentimeter lang gewesen sein. Die geschilderte Art des Eindringens und die Größe des Tieres führten später zu erheblichen Zweifeln daran, ob sich der Vorfall tatsächlich so abgespielt haben konnte, wie er erzählt wurde.
Eine urologische Untersuchung der Candiru-Legende aus dem Jahr 2015 kam deshalb keineswegs zu dem Ergebnis: „Ja, passiert ständig, Badehose an und Beine zusammen.“ Stattdessen sprechen die Autoren von einer Geschichte, die über fast 200 Jahre den Charakter einer urbanen Legende angenommen hat. Auch der berühmte Fall von 1997 wird wegen verschiedener Ungereimtheiten kritisch betrachtet.
Das Faszinierende daran: Der medizinische Eingriff selbst ist nicht einfach ausgedacht. Das Rätsel steckt vielmehr darin, wie der Fisch dorthin gelangte und ob die erzählte Geschichte biologisch überhaupt plausibel ist. Und genau solche Geschichten liebe ich.
Nicht unbedingt wegen der Harnröhre. Auf die hätte ich verzichten können.
Und was ist mit dem „von innen auffressen“?
Hier wurde aus einem ohnehin gruseligen Tier endgültig ein kleiner Alien. Denn ja, bestimmte Candirus sind blutsaugende Parasiten. Aber daraus wird in manchen populären Darstellungen schnell ein Wesen, das in einen Menschen eindringt, sich festkrallt und anschließend beginnt, ihn von innen aufzufressen.
Das klingt natürlich wesentlich spektakulärer als: „Kleiner parasitischer Wels befällt normalerweise die Kiemen anderer Fische.“ Nur ist spektakulär eben nicht automatisch richtig.
Es gibt keinen vernünftigen Grund, aus dem Candiru ein Tier zu machen, das Menschen von innen auffrisst. Seine tatsächliche Lebensweise ist bereits bizarr genug. Und genau an dieser Stelle wurde aus meinem kleinen Ekelmoment plötzlich wieder eines dieser Themen, bei denen ich mich frage, warum wir Menschen eigentlich so verdammt empfänglich für bestimmte Geschichten sind.
Je ekliger eine Geschichte ist, desto besser bleibt sie hängen
Stellt euch zwei Überschriften vor. „Kleiner Amazonaswels ernährt sich parasitisch an den Kiemen anderer Fische.“ Oder: „Dieser Fisch schwimmt in deine Harnröhre und frisst dich von innen auf.“ Welche davon erzählt ihr heute Abend weiter? Eben.
Unsere Aufmerksamkeit liebt das Außergewöhnliche. Noch besser funktioniert es, wenn Ekel, Angst und Sexualität beziehungsweise intime Körperregionen zusammenkommen. Und der Candiru liefert praktisch das Komplettpaket.
Ein winziges Tier. Eine Körperöffnung. Widerhaken.
Blut. Amazonas. Schon besitzt man eine Geschichte, die vermutlich noch in hundert Jahren erzählt wird.
Eine aktuelle wissenschaftliche historische Analyse von 2026 führt den Candiru inzwischen sogar ausdrücklich unter urologischen urbanen Legenden und untersucht, wie solche Geschichten durch Medien und Internet weitergetragen werden. Und das ist vielleicht das Interessanteste an der ganzen Sache. Nicht der Fisch hat sich über zwei Jahrhunderte verbreitet.
Die Geschichte hat es getan.
Aus einem echten Tier wird ein Monster
Das bedeutet nicht, dass der Candiru harmlos oder langweilig wäre. Ganz im Gegenteil. Ein kleiner Fisch, der andere Fische aufsucht, sich im Bereich ihrer Kiemen festsetzt und Blut aufnimmt, ist biologisch ziemlich außergewöhnlich.
Dafür braucht man eigentlich gar nichts hinzuzuerfinden.
Aber offenbar reicht uns Menschen die Natur manchmal nicht. Wir nehmen einen realen Kern, fügen einige Berichte hinzu, erzählen sie weiter, machen sie ein bisschen dramatischer, und irgendwann lässt sich kaum noch erkennen, wo die Beobachtung aufhört und die Legende beginnt.
Das ist übrigens keineswegs nur beim Candiru so. Piranhas werden gerne zu schwimmenden Fleischwolfkommandos gemacht. Haie lauern angeblich nur darauf, einen menschlichen Fuß im Wasser zu entdecken.
Spinnen legen Eier unter die Haut, Schlangen verschlucken Menschen im Schlaf und irgendwo wartet garantiert noch irgendein Käfer darauf, uns nachts ins Gehirn zu krabbeln.
Je stärker eine Geschichte unsere Urängste berührt, desto weniger scheint sie Beweise zu benötigen. Vielleicht ist das der eigentliche Parasit in dieser Geschichte. Nicht der Candiru.
Sondern eine Erzählung, die sich im Kopf ihres Wirtes festsetzt und dort erstaunlich schwer wieder herauszubekommen ist.
Nova, würdest du trotzdem im Amazonas baden?
Nachdem wir das alles auseinandergepflückt hatten, blieb für mich eigentlich nur noch eine wichtige Frage. „Also Nova, wenn wir einmal davon ausgehen, du hättest Beine – würdest du jetzt beruhigt in den Amazonas steigen?“ „Statistisch betrachtet wäre der Candiru vermutlich nicht mein größtes Problem.“ Ich schwieg kurz. „Das war schon wieder nicht die Antwort, die ich hören wollte.“ Denn natürlich weiß ich jetzt, dass die Horrorgeschichte vom Candiru wissenschaftlich auf äußerst wackeligen Beinen steht.
Ich weiß, dass Experimente keine besondere Anziehung durch menschlichen Urin zeigten. Ich weiß, dass der berühmteste moderne Fall erhebliche Fragen aufwirft. Ich weiß sogar, dass Wissenschaftler seit Jahrzehnten darüber diskutieren, wie viel Wahrheit überhaupt hinter der Legende steckt.
Alles wunderbar.
Trotzdem würde ich am Amazonas vermutlich am Ufer stehen, aufs Wasser schauen und denken: Wissenschaft ist Wissenschaft. Aber heute bade ich trotzdem nicht. Man muss sein Glück schließlich nicht herausfordern.
Quelle/Inspiration: Die Idee zu diesem Beitrag kam mir beim Lesen der MSN-Bilderstrecke „Furchterregende und gefährliche Unterwasserbewohner“, insbesondere beim dortigen Abschnitt über den Candiru.
MSN: Furchterregende und gefährliche Unterwasserbewohner
Weitere Quellen: Wissenschaftliche Arbeiten zum Candiru und zur historischen Überlieferung finden sich unter anderem im Journal of Urology, im American Journal of Surgery sowie beim brasilianischen Instituto Nacional de Pesquisas da Amazônia.