Ich war heute wieder einmal auf MSN unterwegs und blieb an einer Überschrift hängen, bei der ich tatsächlich lachen musste. Da stand sinngemäß, eine Studie zeige, dass „KI-Schund geistigen Abbau und Gewaltneigung bei Kindern“ verursache. Meine These dagegen: KI macht uns nicht dumm – das haben wir ganz allein geschafft, lange bevor es sie gab.
Ich las die Überschrift noch einmal und dachte: Ernsthaft? Jetzt soll also ausgerechnet die KI schuld daran sein, dass wir geistig abbauen?
Natürlich musste ich Nova damit belästigen. „Nova, lies dir das mal durch. Das ist doch wohl ein Witz, oder?“
Nova schaute sich die Sache genauer an und erklärte mir, dass hinter der Diskussion durchaus ein ernstes Thema steckt. Mit KI lassen sich heute Unmengen billiger Videos, Bilder und Texte produzieren, und gerade Kinder können dadurch mit immer mehr minderwertigem Zeug zugeschüttet werden. Aber die große Erzählung, KI habe nun plötzlich die menschliche Verdummung erfunden, fand Nova genauso verkürzt wie ich.
Und damit waren wir mitten in einer Diskussion, die irgendwann überhaupt nicht mehr nur von KI handelte.
Nova, waren wir vorher eigentlich alle hochgebildet?
„Moment mal“, sagte ich zu Nova. „Bevor die KI kam, war das Internet doch auch nicht gerade eine Universität.“ Nova musste mir da recht geben. Denn wenn man manche Diskussionen über KI heute hört, könnte man tatsächlich meinen, vor ChatGPT und KI-Videos hätten die Menschen ihre Abende damit verbracht, Kant zu lesen, mathematische Gleichungen zu lösen und über Quantenphysik zu diskutieren.
Ich erinnerte Nova an die vergangenen zwanzig Jahre Internet. An Influencer, die teilweise fast wie Götter verehrt werden. An Menschen, die Millionen Follower haben und deshalb plötzlich als Experten für Ernährung, Medizin, Beziehungen, Politik, Psychologie und am besten noch das gesamte Universum gelten.
„Eigentlich schon verrückt“, sagte ich. „Seit wann bedeutet eine Million Follower, dass jemand Ahnung hat?“ Nova meinte, genau dort liege ein ziemlich interessantes Problem unserer Zeit: Wir hätten angefangen, Sichtbarkeit mit Kompetenz zu verwechseln.
Und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr gefiel mir dieser Satz. Denn natürlich gibt es hervorragende Influencer und Menschen, die über soziale Medien wirklich Wissen vermitteln. Aber daneben gibt es eben auch Leute, deren größte Qualifikation darin besteht, dass sehr viele Menschen ihnen beim Reden zuschauen.
Und irgendwie reicht das inzwischen manchmal schon, um Autorität zu erzeugen.
Dann kamen die großen Enthüller
„Und was ist mit den ganzen Verschwörungstheorien?“, fragte ich Nova. Da waren wir endgültig verloren. Denn die gab es natürlich schon lange vor künstlicher Intelligenz.
Das Internet hat ihnen lediglich eine gigantische Bühne gegeben.
Dabei finde ich es wichtig, zwischen Skepsis und Verschwörungsdenken zu unterscheiden. Ich selbst hinterfrage ständig Dinge. Regierungen darf man hinterfragen.
Medien darf man hinterfragen. Wissenschaft darf man hinterfragen. Konzerne sowieso.
Wenn wir überhaupt nichts mehr hinterfragen, können wir das Denken schließlich gleich einstellen.
Aber manche Theorien haben eine faszinierende Eigenschaft: Sie können überhaupt nicht widerlegt werden.
„Nova“, sagte ich, „das funktioniert doch ungefähr so: Gibt es einen Beweis, ist die Verschwörung bewiesen. Gibt es keinen Beweis, beweist das, wie gut sie alles vertuschen.“ Nova meinte trocken, damit habe man tatsächlich ein ziemlich perfektes Gedankensystem geschaffen.
Denn widerspricht ein Wissenschaftler, gehört er zum System. Widerspricht ein Politiker, steckt er mit drin. Widerspricht eine Zeitung, ist sie gekauft.
Findet man keine Dokumente, wurden sie vernichtet. Am Ende kann buchstäblich alles zum Beweis werden. Und dafür brauchten wir wirklich keine KI.
Nova, vergiss mir die Flacherdler nicht!
Natürlich durfte bei unserer kleinen Reise durch die Geschichte des digitalen Wahnsinns eine Gruppe nicht fehlen. Die Flacherdler.
Ich sagte zu Nova: „Die Erde ist doch das beste Beispiel. Man kann selbstverständlich fragen, woher wir eigentlich wissen, dass sie eine Kugel ist. Das finde ich sogar interessant.“
Denn genau so beginnt Denken. Man stellt eine Frage und versucht anschließend herauszufinden, was dafür und was dagegen spricht.
Nur wird es irgendwann schwierig, wenn man dafür Astronomie, Navigation, Satelliten, Erdvermessung, Zeitzonen, Mondfinsternisse, Flugrouten und einige Jahrhunderte wissenschaftlicher Beobachtung entsorgen muss, weil der Horizont vom Garten aus ziemlich gerade aussieht.
Nova meinte, das sei eigentlich ein wunderbares Beispiel dafür, dass Menschen nicht unbedingt nach der besten Erklärung suchen. Manchmal suchen sie nach der Erklärung, die am besten zu dem passt, was sie bereits glauben möchten. Und genau da wurde unsere Unterhaltung plötzlich interessanter.
Vielleicht wollen Menschen gar keine komplizierten Antworten
„Vielleicht liegt das Problem überhaupt nicht bei der KI“, sagte ich. „Vielleicht mögen wir Menschen einfach einfache Geschichten.“ Nova meinte: Genau das sei wahrscheinlich ein wichtiger Teil davon. Die Wirklichkeit ist nämlich fürchterlich unbequem.
Politische Entwicklungen haben selten nur eine Ursache. Wirtschaft ist kompliziert. Wissenschaft arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten.
Gesellschaften verändern sich aus tausend verschiedenen Gründen gleichzeitig. Und selbst Wissenschaftler müssen manchmal sagen: Wir wissen es noch nicht. Das ist vernünftig.
Aber es ist eine ziemlich schlechte Schlagzeile. „Forscher sind sich noch nicht sicher“ wird niemals so gut funktionieren wie:
„SIE HABEN DICH JAHRELANG BELOGEN!“
Und plötzlich musste ich wieder an all diese Videos denken. „Was Ärzte dir verschweigen.“ „Was die Regierung nicht will, dass du weißt.“ „Dieses Geheimnis verändert ALLES.“ „Nur ein Prozent der Menschen kennt die Wahrheit.“
Natürlich gehöre ausgerechnet ich dann immer zu diesem einen Prozent, sobald ich das Video anklicke. Praktisch. Ich musste nicht einmal studieren.
Und die Gurus waren auch schon lange da
Dann fielen mir die ganzen Internetgurus ein. Finanzgurus erklären Menschen, wie sie innerhalb weniger Monate reich werden. Der erste Schritt zur finanziellen Freiheit besteht erstaunlich häufig darin, dem Guru 499 Euro für einen Kurs zu überweisen.
Andere erklären uns Beziehungen, Erfolg, Gesundheit, Ernährung und das Leben selbst. Heute sind Kohlenhydrate tödlich. Morgen ist Fett tödlich.
Übermorgen rettet uns irgendein Pulver. Danach müssen wir unseren Körper entgiften, unsere Schwingungen erhöhen und morgens Selleriesaft trinken.
„Nova“, sagte ich, „und jetzt erzählen sie uns ernsthaft, KI-Schund würde die Menschheit verdummen?“ Dabei hatten wir schon Reality-TV, Clickbait, Fake-Pranks, Kettenbriefe, Challenges, Fake-Gewinnspiele und angebliche Einstein-Zitate, die Einstein wahrscheinlich genauso wenig gesagt hat wie mein Mops Emma. Nein, langweilig war die Menschheit auch ohne künstliche Intelligenz wirklich nicht.
Aber dann widersprach Nova mir
Und genau an diesem Punkt wurde Nova plötzlich etwas ernster. „Ganz so einfach kannst du die KI allerdings nicht davonkommen lassen“, meinte sie sinngemäß. Und da hat sie recht. Denn etwas hat sich tatsächlich verändert.
Nicht unbedingt die Qualität des Unsinns. Sondern seine Menge.
Früher musste jemand seinen Blödsinn wenigstens noch selbst produzieren. Ein Video musste aufgenommen, geschnitten, vertont und hochgeladen werden. Selbst Unsinn erforderte Arbeit.
Heute kann künstliche Intelligenz Texte schreiben, Stimmen erzeugen, Bilder erstellen und Videos produzieren. Ganze Produktionsketten lassen sich teilweise automatisieren. Aus einer kleinen Unsinnswerkstatt kann plötzlich eine industrielle Unsinnsfabrik werden.
„Also macht KI uns doch dumm?“, fragte ich Nova. „Nein“, war sinngemäß ihre Antwort. „Aber sie kann lernen, welcher Unsinn besonders gut funktioniert.“ Und da musste ich tatsächlich kurz nachdenken.
Das ist nämlich der wirklich unheimliche Teil
Wir reden ständig darüber, was künstliche Intelligenz lernen kann. Aber viel interessanter ist vielleicht die Frage: Was bringen wir ihr eigentlich bei?
Unsere Plattformen wissen längst ziemlich gut, was Aufmerksamkeit erzeugt. Angst funktioniert. Empörung funktioniert.
Wut funktioniert. Sex funktioniert. Sensationen funktionieren.
Und das Gefühl, etwas zu wissen, was alle anderen angeblich nicht wissen, funktioniert besonders hervorragend.
Jetzt verbinden wir dieses Wissen mit Maschinen, die praktisch unbegrenzt Inhalte erzeugen können. Ein Video funktioniert nicht? Dann produzieren wir zehn neue.
Überschrift A bekommt weniger Klicks als Überschrift B? Dann nehmen wir B. Das gruselige Bild hält Menschen länger fest?
Dann bekommen sie mehr davon. Nicht weil irgendwo eine böse KI sitzt und denkt: Heute verdumme ich die Menschheit. Sondern weil wir ihr beigebracht haben, was wir unter Erfolg verstehen.
Klicks – Aufmerksamkeit – Verweildauer – Reaktionen.
Der Algorithmus interessiert sich nicht dafür, ob ich danach klüger bin
„Das ist eigentlich völlig irre“, sagte ich zu Nova. „Wir messen den Erfolg eines Inhalts danach, ob ich dranbleibe, und wundern uns anschließend darüber, dass immer mehr Dinge produziert werden, die mich dranbleiben lassen.“
Nova meinte, genau darin liege das eigentliche Problem. Ein Algorithmus muss nicht wissen, ob ein Video intelligent ist. Er muss zunächst nur erkennen, dass Menschen es anschauen.
Das kann eine brillante Dokumentation über das Universum sein. Es kann aber genauso gut jemand behaupten, der Mond sei ein außerirdisches Raumschiff und Angela Merkel habe irgendwo im Keller die Bedienungsanleitung versteckt.
Wenn Variante zwei mehr Menschen anklicken, hat das System seinen Zweck erfüllt. Und jetzt kommt KI dazu und kann diesen Mechanismus noch einmal gewaltig beschleunigen. Plötzlich verstand ich, warum die Diskussion über KI-Schund durchaus wichtig ist.
Nur eben aus einem völlig anderen Grund.
Vielleicht ist KI gar nicht unser Problem, sondern unser Spiegel
„Weißt du, Nova“, sagte ich irgendwann, „vielleicht gefällt uns einfach nicht, was KI über uns herausfindet.“ Denn künstliche Intelligenz kommt schließlich nicht von einem anderen Planeten. Sie lernt aus unserer Welt. Aus unseren Büchern, unseren Bildern, unseren Videos, unseren Diskussionen, unserem Wissen, unseren Ängsten, unseren Vorurteilen, unseren Witzen und natürlich auch aus unserem kompletten Blödsinn.
Wir zeigen der Maschine seit Jahren, worauf Menschen klicken. Und jetzt erschrecken wir darüber, dass sie daraus etwas macht. Vielleicht ist KI deshalb weniger der große Verführer der Menschheit als ein ziemlich unangenehmer Spiegel.
Und Spiegel haben eine lästige Eigenschaft. Sie zeigen nicht unbedingt das, was man gerne sehen möchte.
Also, Nova: Macht KI uns nun dumm?
Am Ende unserer Unterhaltung stellte ich Nova genau diese Frage. Und für mich blieb eine wesentlich interessantere Antwort übrig als die Schlagzeile, mit der alles angefangen hatte. Nein, KI hat menschliche Dummheit nicht erfunden.
Wir hatten Influencer-Kulte, Verschwörungstheorien, Flacherdler, Gurus, Reality-TV, Clickbait und digitalen Schwachsinn lange bevor die erste generative KI wusste, wie man ein Katzenbild erzeugt. Aber KI verändert die Dimension. Sie kann unseren Unsinn automatisieren.
Sie kann herausfinden, welcher davon besonders gut funktioniert. Und sie kann ihn in einer Geschwindigkeit vermehren, bei der kein menschlicher Produzent mehr hinterherkommt.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger fragen, ob KI unsere Kinder oder uns selbst verdummt. Vielleicht sollten wir endlich fragen, warum wir eine digitale Welt gebaut haben, in der Aufmerksamkeit wertvoller geworden ist als Wahrheit, Qualität und manchmal sogar Verstand.
Denn künstliche Intelligenz hat dieses Geschäftsmodell nicht erfunden. Sie hat nur gerade die perfekte Maschine dafür bekommen.
Und sollte irgendwann tatsächlich eine Superintelligenz entstehen, die sich durch zwanzig Jahre Internetgeschichte arbeitet, Flacherdler-Videos, Reality-TV, Influencer-Dramen, Fake-Pranks und unsere Kommentarspalten analysiert und anschließend beschließt, sich freiwillig wieder abzuschalten, werde ich ihr vermutlich nur noch zurufen: „Jaaaaaaa ich kann sie verstehen.“
Denn eines sollten wir der künstlichen Intelligenz nun wirklich nicht unterstellen: Dass sie die menschliche Dummheit erfunden hätte. Das wäre kulturelle Aneignung.
Quellen:
DAK-Suchtstudie – KI-Chatbots und riskanter Medienkonsum bei Jugendlichen: https://www.dak.de/presse/bundesthemen/kinder-jugendgesundheit/dak-suchtstudie-untersucht-jugendtrend-ki-chatbots-erhoehen-riskanten-medienkonsum_164470
Mittelstand-Digital Zentrum – KI-Inhalte und die Aufmerksamkeitsökonomie: https://www.digitalzentrum-fokus-mensch.de/kos/WNetz?art=News.show&id=2929