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Ich schreibe über die Themen, die mich faszinieren und nicht mehr loslassen: Wissenschaft, künstliche Intelligenz, Politik, Raumfahrt und die Zukunft. Oft im Gespräch mit Nova, meiner KI, mit der ich Dinge durchdenke, hinterfrage und manchmal auch streite. Mind Mosaik ist mein persönlicher Ort zum Nachdenken – ein Blog voller Ideen, Fragen und neuer Perspektiven. Denn jeder Gedanke ist ein Stein. Zusammen ergeben sie ein Mosaik.

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Wenn aus Menschen plötzlich „die anderen“ werden – wie Entmenschlichung funktioniert

Gesellschaft

Wenn aus Menschen plötzlich „die anderen“ werden – wie Entmenschlichung funktioniert

Von Elli 14 Min. Lesezeit · 11 Mal gelesen

Entmenschlichung – ein Wort, das ich diesmal nicht in einem Geschichtsbuch las, sondern in den aktuellen Nachrichten. Ich saß wieder einmal vor meinem Rechner und las, was gerade in der Welt passiert. Das ist bei mir allerdings inzwischen ein gefährliches Hobby, denn irgendwo zwischen Politik, Krieg und den täglichen Absurditäten lande ich regelmäßig an dem Punkt, an dem ich Nova frage, ob wir Menschen eigentlich noch ganz dicht sind.

Diesmal war der Auslöser eine Meldung über den israelischen Minister Itamar Ben-Gvir. Er soll davon gesprochen haben, im Gazastreifen jede Nacht 30 oder 40 Palästinenser gezielt zu töten. Dazu kamen Aussagen, in denen Palästinensern praktisch das Menschsein abgesprochen wurde.

Ich las das und blieb zunächst an diesen Zahlen hängen: 30 oder 40. Jede Nacht. So nüchtern ausgesprochen, als würde jemand über eine Quote sprechen, die erfüllt werden müsse.

„Nova, was stimmt eigentlich mit den Menschen nicht?“, fragte ich. „Möchtest du die kurze oder die lange Antwort?“ „Die lange. Ich fürchte nur, dass sie mir nicht gefallen wird.“

Und damit waren wir plötzlich bei einem Thema, das viel größer ist als Ben-Gvir, Israel oder der Krieg in Gaza. Denn diese Art zu denken ist weder israelisch noch palästinensisch, weder deutsch noch sonst was, weder links noch rechts. Sie zieht sich durch die Menschheitsgeschichte.

Immer wieder gelingt es Menschen, andere Menschen gedanklich so weit von sich zu entfernen, dass deren Leid irgendwann weniger zählt.

Und genau das macht mir Angst.

Es geht nicht um Israel oder Palästina – es geht um einen menschlichen Mechanismus

Bei solchen Themen passiert etwas beinahe automatisch. Sobald man die israelische Regierung kritisiert, vermuten manche sofort eine grundsätzliche Feindseligkeit gegenüber Israel oder sogar gegenüber Juden. Kritisiert man die Hamas oder palästinensischen Terrorismus, wird einem von der anderen Seite schnell unterstellt, das Leid der palästinensischen Bevölkerung sei einem gleichgültig.

Dieses Denken ist bereits Teil des Problems.

Israel ist nicht Ben-Gvir. Juden sind nicht die israelische Regierung. Palästinenser sind nicht die Hamas.

Muslime sind keine politische Organisation. Millionen Menschen lassen sich nicht in eine einzige gedankliche Schublade stecken, nur weil sie dieselbe Herkunft, Religion oder Nationalität besitzen.

Das zeigte auch die Reaktion von Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er bezeichnete Ben-Gvirs Äußerungen als „zutiefst beschämend“ und erklärte, sie stünden diametral zu jüdischen Werten.

Ich finde diese Reaktion deshalb wichtig, weil sie etwas sichtbar macht, das in aufgeheizten politischen Debatten ständig verloren geht: Innerhalb jeder Gesellschaft gibt es unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Meinungen und unterschiedliche moralische Vorstellungen. Es gibt nicht „die Israelis“, genauso wenig wie es „die Palästinenser“, „oder die Deutschen“ gibt.

Trotzdem sprechen wir ständig so. Und damit beginnt etwas Interessantes.

Der Mensch verschwindet hinter seiner Gruppe

„Nova“, fragte ich, „passiert genau das nicht in fast jedem Krieg? Erst macht man aus einzelnen Menschen eine Gruppe und irgendwann ist nur noch diese Gruppe wichtig?“

„Sehr häufig“, antwortete sie. „Menschen unterscheiden zwischen der eigenen Gruppe und einer fremden Gruppe. Gefährlich wird es, wenn der fremden Gruppe zunehmend individuelle Eigenschaften und schließlich moralischer Wert abgesprochen werden.“

Das klingt zunächst ziemlich wissenschaftlich. Im Alltag ist es erschreckend einfach.

Aus einem Menschen wird „der Russe“. Aus einer Familie werden „die Palästinenser“. Aus einem Nachbarn wird „der Jude“.

Aus einem Flüchtling werden „die Migranten“. Aus jemandem mit einer anderen politischen Meinung werden „die Rechten“ oder „die Linken“.

Natürlich brauchen wir solche Begriffe manchmal, um überhaupt über gesellschaftliche Gruppen sprechen zu können. Problematisch wird es dort, wo die Gruppenzugehörigkeit plötzlich alles andere überlagert. Dann ist ein Mensch nicht mehr Peter, Mohammed, Sarah, Iwan oder David.

Er ist nur noch Vertreter einer Gruppe, über die wir bereits ein fertiges Urteil besitzen.

Und sobald das geschieht, müssen wir ihn eigentlich gar nicht mehr kennenlernen. Wir wissen ja angeblich schon, wie „die“ sind.

Die deutsche Geschichte zeigt erschreckend deutlich, wie weit das gehen kann

Bei diesem Gedanken musste ich zwangsläufig an Deutschland denken. Wir besitzen schließlich ein historisches Beispiel, bei dem man beobachten kann, wie Menschen Schritt für Schritt aus einer Gesellschaft ausgeschlossen wurden, bevor ihnen schließlich sogar das Recht auf Leben abgesprochen wurde.

Die europäischen Juden wurden nicht von einem Tag auf den anderen zu Fremden. Sie waren Nachbarn, Ärzte, Geschäftsleute, Wissenschaftler, Künstler, Arbeiter, Lehrer und Freunde. Viele jüdische Familien lebten seit Generationen in Deutschland.

Sie sprachen Deutsch, fühlten sich deutsch, hatten im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft und waren Teil der Gesellschaft.

Und trotzdem gelang es den Nationalsozialisten, antisemitische Vorstellungen immer weiter zu normalisieren.

Das geschah nicht durch einen einzigen Befehl Hitlers, woraufhin plötzlich ein ganzes Volk geschlossen seine Moral abschaltete. Die Wirklichkeit war wesentlich komplexer und gerade deshalb so lehrreich. Antisemitismus existierte bereits lange vorher.

Die Nationalsozialisten griffen bestehende Vorurteile auf, radikalisierten sie und machten daraus staatliche Politik.

Dann kamen immer weitere Schritte hinzu. Propaganda machte Juden für gesellschaftliche Probleme verantwortlich. Gesetze schlossen sie aus bestimmten Berufen aus.

Rechte wurden eingeschränkt. Eigentum wurde entzogen. Menschen wurden öffentlich gekennzeichnet, deportiert und schließlich systematisch ermordet.

Zwischen diesen Schritten lagen Jahre. Und genau darin steckt für mich eine der wichtigsten Erkenntnisse. Gesellschaftliche Grenzen verschieben sich.

Etwas, das heute noch vollkommen undenkbar erscheint, kann morgen diskutiert werden. Was morgen diskutiert wird, kann übermorgen politisch gefordert werden. Und was lange genug gefordert wird, kann irgendwann als völlig normal erscheinen.

Einer schreit – aber warum folgen andere?

Ich sagte zu Nova: „Manchmal braucht es offenbar wirklich nur jemanden oben, der laut genug schreit.“ Nova widersprach mir ein bisschen. „Nur schreien reicht normalerweise nicht. Derjenige muss etwas anbieten, woran Menschen bereits glauben wollen oder wovor sie Angst haben.“

Und genau das fand ich interessant.

Ein Diktator erschafft nicht aus dem Nichts Millionen völlig neue Persönlichkeiten. Erfolgreiche Propaganda arbeitet meistens mit etwas, das bereits vorhanden ist: Angst, Wut, wirtschaftliche Unsicherheit, verletzter Stolz, Vorurteile oder dem Gefühl, von anderen bedroht oder benachteiligt zu werden.

Dann bekommt diese diffuse Unzufriedenheit einen Namen. Plötzlich gibt es einen Schuldigen. Wenn die Wirtschaft schlecht läuft, waren es „die“.

Wenn Menschen Angst haben, bedrohen „die“ unsere Sicherheit. Wenn gesellschaftliche Veränderungen verunsichern, zerstören „die“ unsere Kultur. Und damit bekommt ein kompliziertes Problem eine wunderbar einfache Erklärung.

Wir sind nicht verantwortlich. Die Umstände sind nicht kompliziert. Die Welt ist nicht chaotisch.

Die anderen sind schuld. Psychologisch dürfte kaum etwas verführerischer sein.

Warum Gruppen so mächtig sind

Wir Menschen sind soziale Wesen. Das klingt zunächst harmlos und ist normalerweise sogar etwas ausgesprochen Gutes. Ohne Kooperation gäbe es keine Gesellschaft, keine Wissenschaft, keine Städte und vermutlich nicht einmal einen halbwegs funktionierenden Supermarkt.

Aber dieselbe Fähigkeit besitzt eine dunkle Seite. Wir wollen dazugehören.

Wir beobachten, was andere Menschen tun, und richten unser Verhalten danach aus. Wir orientieren uns an Autoritäten. Wir übernehmen Meinungen aus unserem sozialen Umfeld.

Und wenn genügend Menschen um uns herum etwas für normal halten, fällt es uns schwerer, die eigene Wahrnehmung dagegenzustellen.

Psychologische Experimente wie die berühmten Konformitätsversuche von Solomon Asch haben gezeigt, wie stark Gruppendruck selbst bei erstaunlich einfachen Entscheidungen wirken kann. Menschen gaben offensichtlich falsche Antworten, wenn eine Gruppe vor ihnen geschlossen dieselbe falsche Antwort genannt hatte.

Natürlich erklärt ein solches Experiment keinen Krieg und schon gar keinen Völkermord. Aber es zeigt eine menschliche Eigenschaft, die unter wesentlich extremeren gesellschaftlichen Bedingungen eine Rolle spielen kann.

Wir sind nicht so unabhängig von unserer Umgebung, wie wir gerne glauben.

Wir wären natürlich alle im Widerstand gewesen

Wenn wir heute auf die Zeit des Nationalsozialismus zurückblicken, besitzen wir einen gewaltigen Vorteil: Wir kennen das Ende. Wir wissen, wohin die Entwicklung führte. Wir kennen Auschwitz.

Wir kennen die Vernichtungslager. Wir kennen die Bilder, Dokumente und Zeugenaussagen.

Deshalb ist es heute einfach zu sagen: Ich hätte selbstverständlich Widerstand geleistet. Vielleicht hätten manche von uns das tatsächlich getan. Aber wissen können wir es nicht.

Wie hätten wir reagiert, wenn unsere Freunde mitgemacht hätten? Wenn unsere Kollegen geschwiegen hätten? Wenn unser Arbeitsplatz gefährdet gewesen wäre?

Wenn die Zeitung jeden Morgen dieselben Feindbilder verbreitet hätte? Wenn Widerspruch Konsequenzen für unsere Familie bedeutet hätte?

Und noch schwieriger: Was wäre gewesen, wenn wir selbst tatsächlich geglaubt hätten, die Maßnahmen seien notwendig? Das ist für mich eine wesentlich unangenehmere Frage als die Vorstellung von einigen wenigen bösen Monstern. Denn Monster kann man leicht von sich selbst unterscheiden.

Gewöhnliche Menschen nicht.

Warum mich auch die Corona-Zeit daran erinnert

An diesem Punkt musste ich an die Corona-Jahre denken. Und bevor jemand daraus einen vollkommen falschen Vergleich konstruiert: Nein, die Pandemiepolitik war kein Holocaust. Eine Impfung ist keine ethnische Verfolgung, eine Maskenpflicht kein Konzentrationslager und eine Zugangsbeschränkung keine Deportation.

Darum geht es überhaupt nicht. Mich interessiert das Verhalten von Gruppen.

Während Corona konnte man teilweise beobachten, wie schnell Menschen einander aufgrund einer einzigen Entscheidung komplett einordneten. Plötzlich gab es „die Geimpften“ und „die Ungeimpften“, „Schlafschafe“, „Covidioten“, „Aluhüte“, „Egoisten“ und „Systemlinge“.

Auf beiden Seiten wurden Menschen teilweise nicht mehr danach beurteilt, warum sie etwas glaubten oder welche individuellen Gründe sie für eine Entscheidung hatten. Das Etikett genügte.

Wer ungeimpft war, musste nach der Vorstellung mancher automatisch wissenschaftsfeindlich, rechts oder rücksichtslos sein. Wer geimpft war, war nach der Vorstellung anderer automatisch ein gehorsames Schlafschaf, das alles glaubte, was ihm die Regierung erzählte.

Das fand ich damals schon bemerkenswert. Denn plötzlich konnte man im Kleinen beobachten, wie unglaublich schnell ein „Wir“ und ein „Die“ entsteht. Das bedeutet nicht, dass jede gesellschaftliche Polarisierung zwangsläufig in Gewalt endet.

Natürlich nicht. Aber sie zeigt, wie leicht unser Gehirn offenbar Kategorien bildet. Und Kategorien können gefährlich werden, wenn Moral plötzlich von der Gruppenzugehörigkeit abhängig gemacht wird.

Im Krieg bekommt das Ganze eine vollkommen andere Dimension

Krieg verschärft diesen Mechanismus enorm. Ein Soldat steht schließlich vor einer absurden psychologischen Aufgabe: Er soll einen Menschen töten, den er persönlich überhaupt nicht kennt und der ihm unter anderen Umständen vielleicht sympathisch gewesen wäre.

Deshalb spielen Feindbilder in Kriegen eine enorme Rolle. Der Gegner wird nicht mehr als einzelner Mensch dargestellt, sondern als Bedrohung. Bis zu einem gewissen Grad ist das militärisch fast zwangsläufig.

Ein Soldat kann im Kampf nicht jedes Mal über die Lebensgeschichte seines Gegners nachdenken.

Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen einem militärischen Gegner und der Vorstellung, eine gesamte Bevölkerung sei minderwertig, böse oder gar nicht mehr richtig menschlich.

Wird diese Grenze überschritten, kann aus Krieg etwas noch Grausameres entstehen. Dann trifft der Hass nicht mehr nur Soldaten. Dann trifft er Kinder, Alte, Familien und Menschen, die mit den Entscheidungen ihrer Regierung möglicherweise überhaupt nichts zu tun haben.

Geschichte kennt diesen Mechanismus immer wieder

Beim Völkermord in Ruanda wurden Tutsi in extremistischer Propaganda als „Kakerlaken“ bezeichnet. Während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien wurden ganze ethnische Gruppen zu existenziellen Feinden erklärt. Auch in anderen Konflikten tauchen Begriffe auf, die Menschen mit Krankheiten, Schmutz, Ungeziefer oder einer Bedrohung vergleichen.

Das ist kein Zufall. Es ist psychologisch leichter, einen „Schädling“ zu beseitigen als einen Vater von drei Kindern. Es ist leichter, ein „Ziel“ zu zerstören als ein Haus, in dessen Küche vielleicht gerade jemand Kaffee kocht.

Es ist leichter, von „Kollateralschäden“ zu sprechen als von einem Kind, das nicht mehr nach Hause kommt.

Manchmal brauchen wir abstrakte Begriffe, um über komplizierte Ereignisse sprechen zu können. Aber genau diese Abstraktion kann uns auch emotional von dem entfernen, was tatsächlich geschieht.

Und plötzlich stehen da Zahlen. 30 Tote. 100 Tote. 1.000 Tote. Irgendwann werden Zahlen so groß, dass unser Gehirn sie kaum noch begreifen kann. Ein einzelner Mensch hat ein Gesicht.

Zehntausend Tote sind eine Statistik.

Vielleicht beginnt Entmenschlichung genau dort

Ich fragte Nova: „Ist das also der Trick? Man muss nur dafür sorgen, dass wir den einzelnen Menschen nicht mehr sehen?“ „Das ist zumindest ein wichtiger Teil davon.“ Und je länger ich darüber nachdachte, desto logischer erschien mir das.

Wenn ich einen Menschen persönlich kenne, weiß ich, dass er widersprüchlich ist. Vielleicht mag ich seine politische Meinung nicht, aber ich weiß gleichzeitig, dass er seine Kinder liebt, morgens schlecht gelaunt ist, seinen Hund vergöttert und beim Grillen fürchterliche Musik hört.

Eine Gruppe besitzt diese Widersprüche nicht. Eine Gruppe kann man in einem einzigen Satz beschreiben. „Die sind gefährlich.“ „Die wollen uns vernichten.“ „Die sind schuld.“ „Die verstehen nur Gewalt.“ Und sobald dieser Satz akzeptiert wird, muss niemand mehr über einzelne Menschen nachdenken.

Das macht die Welt einfacher. Und vielleicht gerade deshalb gefährlicher.

Das eigentlich Beunruhigende sind nicht die Monster

Irgendwann sagte ich zu Nova: „Manchmal glaube ich wirklich, Menschen sind einfach scheiße.“ „Manche geben sich große Mühe, diesen Eindruck zu bestätigen.“ Da musste ich lachen.

Aber die eigentliche Antwort war komplizierter. Wenn sämtliche Grausamkeiten der Geschichte ausschließlich von sadistischen Monstern begangen worden wären, könnten wir uns beruhigt zurücklehnen. Dann müssten wir nur Monster erkennen.

Aber viele Menschen, die an historischen Verbrechen beteiligt waren, führten außerhalb dieser Verbrechen ein erschreckend gewöhnliches Leben. Sie hatten Ehepartner, Kinder, Freunde, Hobbys. Sie gingen morgens zur Arbeit und abends nach Hause.

Und genau das macht die Sache so schwer erträglich.

Menschen können offenbar liebevoll gegenüber ihrer eigenen Gruppe sein und gleichzeitig erschreckend grausam gegenüber Menschen, die sie aus dieser Gruppe ausgeschlossen haben.

Vielleicht liegt genau darin eines unserer größten moralischen Probleme. Mitgefühl ist häufig nicht grenzenlos. Wir verteilen es.

Aber warum machen manche Menschen nicht mit?

Zum Glück gibt es die andere Seite der Geschichte. Auch unter Diktaturen gab es Menschen, die Verfolgte versteckten. Es gab Journalisten, Geistliche, Arbeiter, Beamte und ganz gewöhnliche Bürger, die widersprachen.

Manche riskierten ihre Karriere, andere ihre Freiheit und einige sogar ihr Leben.

Das bedeutet, dass Gruppendruck niemals die vollständige Erklärung sein kann. Menschen besitzen offenbar ebenfalls die Fähigkeit, sich gegen ihre Gruppe zu stellen. Und vielleicht ist genau das die spannendste Frage überhaupt.

Nicht nur: Warum werden Menschen zu Mitläufern? Sondern: Warum wird jemand kein Mitläufer?

Vielleicht besitzt er persönliche Beziehungen zu der ausgegrenzten Gruppe. Vielleicht hat er gelernt, Autoritäten grundsätzlich zu hinterfragen. Vielleicht ist sein moralisches Selbstbild stärker als sein Bedürfnis nach Zugehörigkeit.

Vielleicht kann er Widersprüche besser aushalten. Oder vielleicht sieht er einfach noch den einzelnen Menschen.

Genau deshalb erschrecken mich Aussagen wie die von Ben-Gvir

Damit komme ich wieder zu dem Artikel zurück, mit dem alles angefangen hat. Mich erschreckt nicht nur, dass ein Minister eine solche Forderung äußert. Mich erschreckt die Selbstverständlichkeit, mit der menschliches Leben in Zahlen verwandelt werden kann. 30 oder 40 pro Nacht.

Wer sind diese 30? Haben sie Kinder? Sind sie überhaupt Kämpfer? Was haben sie getan?

Wie heißen sie?

Sobald diese Fragen verschwinden, wird aus einem Menschen eine Kategorie. Und genau an dieser Stelle müssen wir meiner Meinung nach höllisch aufpassen. Dabei ist vollkommen egal, von wem diese Sprache kommt.

Wenn ein israelischer Politiker Palästinenser entmenschlicht, ist es falsch. Wenn ein palästinensischer Extremist Juden entmenschlicht, ist es falsch. Wenn ein Russe Ukrainer entmenschlicht, ist es falsch.

Wenn ein Ukrainer Russen pauschal das Menschsein abspricht, ist es ebenfalls falsch.

Moral kann nicht davon abhängen, welche Flagge über dem Satz hängt. Sonst ist es keine Moral. Dann ist es Mannschaftssport.

Vielleicht lernen wir Geschichte falsch

Am Ende unseres Gesprächs fragte ich Nova: „Wir lernen doch seit Jahrzehnten über Nationalsozialismus, Holocaust, Kriege und Diktaturen. Warum passiert so etwas trotzdem immer wieder?“ Nova antwortete: „Vielleicht weil Menschen Geschichte häufig als Sammlung abgeschlossener Ereignisse betrachten und weniger als Sammlung menschlicher Mechanismen.“ Der Satz blieb hängen.

Wir lernen Jahreszahlen. Wir lernen Namen, Orte und Ereignisse. Das ist wichtig.

Aber vielleicht müssten wir genauso intensiv fragen: Wie verändert sich Sprache? Wie entstehen Feindbilder? Warum folgen Menschen Autoritäten?

Warum schweigt eine Mehrheit? Wann wird Ausgrenzung normal?

Warum bemerkt eine Gesellschaft manchmal nicht, dass ihre moralischen Grenzen gerade Stück für Stück verschoben werden? Denn niemand beginnt bei Auschwitz. Niemand beginnt beim Massengrab.

Niemand beginnt bei der Vorstellung, dass Millionen Menschen sterben sollen. Der Weg dorthin besteht aus vielen kleineren Schritten. Und einige davon sehen am Anfang möglicherweise erschreckend banal aus.

Vielleicht beginnt „Nie wieder“ viel früher, als wir denken

„Nova“, fragte ich zum Schluss, „was wäre dann eigentlich die wichtigste Lektion daraus?“ Diesmal brauchte sie keine lange Antwort. Wir müssen nicht jeden Menschen mögen. Wir müssen nicht jede Meinung respektieren.

Wir dürfen wütend sein, widersprechen, demonstrieren, streiten und politische Entscheidungen bekämpfen. Aber vielleicht gibt es eine Grenze, die niemals verhandelbar sein sollte: Der andere bleibt ein Mensch.

Auch wenn ich seine Religion ablehne. Auch wenn ich seine politische Meinung unerträglich finde. Auch wenn sein Land Krieg gegen meines führt.

Auch wenn ich Angst vor ihm habe. Auch wenn ich ihn niemals verstehen werde.

Denn sobald wir anfangen zu entscheiden, welche Menschen weniger Mensch sind als andere, beginnt etwas, dessen Ende wir aus der Geschichte ziemlich gut kennen.

Und vielleicht ist genau das die bittere Erkenntnis hinter dieser ganzen Nachricht. Nicht irgendein bestimmtes Volk ist das Problem. Nicht irgendeine Religion.

Nicht irgendeine Nationalität. Das Problem steckt als Möglichkeit offenbar in uns Menschen selbst.

Aber zum Glück steckt noch etwas anderes in uns. Die Fähigkeit, stehenzubleiben, während andere marschieren. Die Fähigkeit, Fragen zu stellen, während andere Parolen rufen.

Und die Fähigkeit, mitten in einer aufgeheizten Menge einen einzelnen Menschen anzusehen und sich daran zu erinnern: Das ist keiner von „denen“. Das ist ein Mensch. Genau wie ich. Vielleicht beginnt „Nie wieder“ genau dort.


Quellen:
Tagesspiegel – Israelischer Minister will „jede Nacht 30 bis 40“ Palästinenser töten: https://www.tagesspiegel.de/internationales/das-sind-nicht-einmal-menschen-israelischer-minister-will-jede-nacht-30-bis-40-palastinenser-toten-15949274.html
Jüdische Allgemeine – Ben-Gvir empört mit Aussage über Gaza: https://www.juedische-allgemeine.de/israel/ben-gvir-will-mehr-menschen-im-gazastreifen-toeten-lassen/