Eigentlich hatte ich überhaupt nicht vor, mich heute mit der deutschen Wirtschaft zu beschäftigen. Ich war auf Facebook unterwegs, schaute ein bisschen hier, ein bisschen dort und blieb schließlich bei einem Video von Jürgen Milski hängen.
Diesmal sprach er über etwas, das man momentan tatsächlich ständig hört: Unternehmen gehen pleite, Arbeitsplätze verschwinden, Investitionen werden ins Ausland verlagert und Unternehmer verlieren zunehmend die Lust auf den Standort Deutschland. Seine Botschaft war ziemlich eindeutig: Hier läuft etwas gewaltig schief und die Politik bekommt es nicht in den Griff.
Mein erster Gedanke war ehrlich gesagt: Ja, wundert mich überhaupt nicht. Aber dann dachte ich an Nova. Und weil ich inzwischen gelernt habe, dass mein Bauchgefühl zwar ausgesprochen meinungsfreudig ist, aber leider keine Statistikbehörde betreibt, fragte ich sie.
„Nova, bevor ich mich jetzt aufrege: Stimmt das eigentlich? Wandern tatsächlich immer mehr Unternehmen und Investitionen aus Deutschland ab oder erzählen wir uns gerade gegenseitig den wirtschaftlichen Weltuntergang?“ Nova antwortete natürlich wieder so, wie sie immer antwortet, wenn ich eine einfache Antwort haben möchte.
„Beides ist zu einfach.“ Na wunderbar. Also haben wir angefangen zu suchen. Und ich sage es gleich vorweg: Deutschland ist nicht morgen pleite.
Es werden weiterhin Unternehmen gegründet. Die Wirtschaft wächst derzeit sogar wieder ein wenig. Aber einige der Zahlen, die wir gefunden haben, haben mich trotzdem ziemlich nachdenklich gemacht.
Nein, Deutschland ist nicht plötzlich eine wirtschaftliche Wüste
Beginnen wir mit der guten Nachricht, denn die gibt es tatsächlich. 2025 wurden in Deutschland rund 640.500 Gewerbe neu gegründet. Das waren 7,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Noch interessanter sind die Betriebe, denen das Statistische Bundesamt aufgrund ihrer Rechtsform oder Beschäftigtenzahl eine größere wirtschaftliche Bedeutung zuschreibt.
Davon entstanden rund 130.100 – ebenfalls deutlich mehr als im Vorjahr.
Gleichzeitig wurden rund 99.900 solcher wirtschaftlich bedeutenderen Betriebe vollständig aufgegeben. Damit gab es auch 2025 mehr Gründungen als vollständige Betriebsaufgaben.
Wer also behauptet, in Deutschland würden nur noch Unternehmen sterben und überhaupt nichts Neues mehr entstehen, liegt schlicht falsch. Ich schaute auf die Zahlen und sagte zu Nova: „Na toll. Dann hatte Jürgen also doch nicht recht?“ „Das habe ich nicht gesagt.“ Natürlich nicht.
Denn genau hier beginnt das Problem mit Statistiken. Man kann mit einer vollkommen richtigen Zahl trotzdem einen vollkommen falschen Eindruck erzeugen.
Eine Neugründung ersetzt nicht automatisch eine Fabrik
640.500 Neugründungen klingen erst einmal fantastisch. Aber was bedeutet „Neugründung“ eigentlich? Darunter kann ein großes Unternehmen mit vielen Beschäftigten fallen.
Es kann aber genauso ein kleiner Onlineshop, ein Ein-Personen-Unternehmen oder irgendein anderes Kleingewerbe sein. Und deshalb kann man Unternehmen nicht einfach zählen wie Äpfel.
Wenn irgendwo ein neues kleines Unternehmen mit einem Beschäftigten entsteht und an anderer Stelle ein Industriebetrieb mit mehreren hundert oder tausend Arbeitsplätzen Produktion abbaut, lautet die Rechnung nicht einfach eins zu eins.
Das eine Unternehmen ist gekommen, das andere gegangen – also alles ausgeglichen. Wirtschaft funktioniert so nicht. Entscheidend sind Arbeitsplätze, Investitionen, Produktivität, Steuereinnahmen, Forschung, Zulieferer und Wertschöpfung.
Ein großes Industriewerk hängt außerdem selten allein in der Landschaft. Daran hängen Handwerker, Logistiker, Dienstleister, Restaurants, Zulieferer und ganze Regionen.
Deshalb interessierte mich plötzlich eine andere Zahl wesentlich mehr. Nicht: Wie viele Unternehmen werden gegründet? Sondern: Wo investieren bestehende Industrieunternehmen ihr Geld? Und da wurde es erheblich ungemütlicher.
43 Prozent wollen im Ausland investieren
Eine Sonderauswertung der Deutschen Industrie- und Handelskammer aus dem Frühjahr 2026 hat rund 1.700 auslandsaktive Industrieunternehmen untersucht. Das Ergebnis: 43 Prozent dieser Industrieunternehmen wollen 2026 im Ausland investieren. Im Vorjahr waren es 40 Prozent.
Das allein wäre noch kein Drama. Natürlich investieren erfolgreiche deutsche Unternehmen international. Ein Autohersteller baut beispielsweise ein Werk in den USA, weil er dort Autos verkaufen möchte.
Ein Maschinenbauer eröffnet eine Niederlassung in Asien, weil dort seine Kunden sitzen.
Internationale Investitionen können sogar ein Zeichen wirtschaftlicher Stärke sein. Doch dann kommt die entscheidende Frage: Warum investieren die Unternehmen im Ausland?
Und genau dort wird es interessant. 41 Prozent nennen inzwischen Kosteneinsparungen als Hauptmotiv. Im Vorjahr waren es noch 35 Prozent. Damit hat das Kostenmotiv den höchsten Stand seit 2003 erreicht.
Ich las die Zahl noch einmal. 41 Prozent.
„Nova, das heißt doch im Grunde: Die gehen nicht unbedingt ins Ausland, weil sie dort einen tollen neuen Markt entdeckt haben, sondern weil Deutschland ihnen zu teuer geworden ist?“ „Bei diesen Unternehmen ist Kostensenkung jedenfalls das genannte Hauptmotiv.“
Und das ist für mich ein gewaltiger Unterschied. Wenn ein deutsches Unternehmen in Amerika eine zusätzliche Fabrik baut, weil es den amerikanischen Markt erobern möchte, wunderbar. Wenn es dort investiert, weil sich die Produktion in Deutschland nicht mehr rechnet, haben wir ein Standortproblem.
Bei der Autoindustrie wird es noch deutlicher
Besonders interessant fand ich die Zahlen für den Kraftfahrzeugbau. Dort nennen laut DIHK 56 Prozent der Unternehmen mit Auslandsinvestitionen Kostenersparnis als Motiv. Mehr als die Hälfte.
Natürlich kann man jetzt sagen: Die deutsche Autoindustrie hat selbst Fehler gemacht. Und ja – selbstverständlich hat sie das. Unternehmen können technologische Entwicklungen verschlafen, falsche Modelle entwickeln, zu lange an alten Geschäftsmodellen festhalten oder Managemententscheidungen treffen, die sich später als katastrophal herausstellen.
Aber das eine schließt das andere nicht aus.
Ein Unternehmen kann strategische Fehler machen und gleichzeitig unter schlechten Standortbedingungen leiden. Diese merkwürdige Vorstellung, wir müssten uns für genau eine Erklärung entscheiden, begegnet mir bei politischen Diskussionen ständig. Entweder sind die Manager schuld oder die Politik.
Entweder die Energiewende oder China. Entweder Bürokratie oder verschlafene Innovation. Warum eigentlich?
Die Wirklichkeit besitzt die ausgesprochen unangenehme Angewohnheit, mehrere Probleme gleichzeitig zu produzieren.
Und dann fanden wir die 40 Prozent
Richtig nachdenklich wurde ich beim aktuellen Energiewende-Barometer der DIHK vom Juli 2026. Dafür wurden rund 3.100 Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen und Regionen befragt.
Rund 20 Prozent aller befragten Unternehmen beschäftigen sich demnach mit einer Verlagerung von Investitionen oder Produktionskapazitäten ins Ausland, haben entsprechende Maßnahmen bereits umgesetzt oder befinden sich mitten in der Umsetzung.
Bei Industrieunternehmen liegt dieser Anteil bei rund 40 Prozent. Bei großen Industrieunternehmen sogar bei 60 Prozent. Da sagte selbst ich erst einmal nichts.
Und das kommt nicht besonders häufig vor. „Nova, 60 Prozent?“ „Bei den großen Industrieunternehmen, die an dieser Befragung teilgenommen haben.“
Diese Einschränkung ist wichtig. Das sind Befragungsdaten und keine amtliche Zählung sämtlicher Unternehmen Deutschlands. Außerdem werden hier verschiedene Stadien zusammengefasst: Unternehmen, die eine Verlagerung erwägen, solche, die sie bereits umsetzen, und solche, die sie schon vorgenommen haben.
Man darf daraus also nicht die Schlagzeile machen: 60 Prozent der deutschen Großindustrie verlassen Deutschland. Das wäre falsch. Aber beruhigend finde ich die Zahl deshalb trotzdem nicht.
Denn wenn ein erheblicher Teil der Industrie überhaupt ernsthaft darüber nachdenkt, Investitionen oder Produktionskapazitäten anderswo aufzubauen, sollte die Politik meiner Meinung nach nicht sagen: Ach, Unternehmen haben schon immer international investiert.
Dann sollte sie fragen: Warum?
Energie ist inzwischen ein echtes Standortproblem
Eine Antwort liefert dieselbe Befragung. Mehr als 40 Prozent der Unternehmen sehen ihre Wettbewerbsfähigkeit durch die hohen Energiekosten beeinträchtigt. In der Industrie sind es ungefähr zwei Drittel.
35 Prozent der Industriebetriebe geben außerdem an, Investitionen in ihre eigentlichen Kernprozesse aufzuschieben, weil hohe Energiekosten finanzielle Mittel binden. Und damit wird aus einer heutigen Strom- oder Gasrechnung ein Problem für morgen. Denn ein Unternehmen, das heute nicht in eine neue Maschine investiert, produziert morgen möglicherweise weniger effizient.
Ein Unternehmen, das Forschung verschiebt, entwickelt übermorgen vielleicht nicht das nächste erfolgreiche Produkt. Und ein Unternehmen, das seine neue Produktionslinie lieber in einem anderen Land baut, schafft dort die Arbeitsplätze, Zulieferstrukturen und möglicherweise irgendwann auch Forschungsabteilungen.
Genau deshalb finde ich die Diskussion über Energiepreise manchmal viel zu oberflächlich. Es geht nicht nur darum, ob eine Fabrik ihre Rechnung bezahlen kann. Es geht darum, wo die nächste Fabrik entsteht.
Die gefährlichste Fabrikschließung sieht man vielleicht gar nicht
Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los. Wenn ein großes Werk in Deutschland geschlossen wird, sehen wir Bilder davon in den Nachrichten. Beschäftigte demonstrieren, Betriebsräte geben Interviews und Politiker fahren hin.
Aber was ist mit einem Werk, das nie gebaut wird? Stellen wir uns vor, ein Unternehmen muss entscheiden, wo es 500 Millionen Euro investiert. Deutschland?
USA? Polen? Frankreich?
Irgendwo in Asien?
Am Ende entscheidet sich der Vorstand gegen Deutschland. Keine Fabrik wird geschlossen. Niemand verliert seinen Arbeitsplatz.
Es gibt keine Demonstration. Keine Sondersendung. Keine Schlagzeile.
Denn etwas, das nie existiert hat, kann niemand vermissen.
Trotzdem fehlen Deutschland anschließend vielleicht jahrzehntelang Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und industrielle Wertschöpfung. Und genau deshalb halte ich Investitionsentscheidungen langfristig für mindestens genauso wichtig wie aktuelle Insolvenzzahlen.
Aber Deutschland wächst doch wieder
Jetzt könnte man natürlich einwenden: Moment mal. Wenn alles so fürchterlich ist, müsste die deutsche Wirtschaft doch gerade zusammenbrechen. Tut sie aber nicht.
Nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes wuchs das deutsche Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal 2026 gegenüber dem ersten Quartal preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,2 Prozent. Im ersten Quartal hatte es bereits ein Plus von 0,4 Prozent gegeben.
Gegenüber dem zweiten Quartal des Vorjahres lag das reale BIP um 0,9 Prozent höher. Ich sagte zu Nova: „Jetzt wird es langsam absurd. Die Wirtschaft wächst, Unternehmen werden gegründet und gleichzeitig überlegen Industrieunternehmen, Produktion ins Ausland zu verlagern.
Was denn nun?“ „Alles davon kann gleichzeitig stimmen.“ Und genau das ist der Punkt, der in politischen Diskussionen ständig verloren geht.
Konjunktur und Standort sind nicht dasselbe
Eine Wirtschaft kann kurzfristig wachsen und langfristig strukturelle Probleme bekommen. Das ist überhaupt kein Widerspruch.
Wenn Exporte steigen oder Verbraucher mehr kaufen, kann das Bruttoinlandsprodukt wachsen. Gleichzeitig kann ein Unternehmen beschließen, seine nächste große Investition nicht mehr in Deutschland vorzunehmen. Die Auswirkungen dieser Entscheidung sehen wir vielleicht erst in fünf oder zehn Jahren.
Deshalb ist die Frage „Ist Deutschland heute in einer Rezession?“ eine andere als die Frage: „Ist Deutschland für Unternehmen noch attraktiv genug, damit sie morgen hier investieren?“
Und genau diese zweite Frage finde ich inzwischen wesentlich interessanter.
Was läuft am Standort Deutschland schief?
Bei unserer Suche tauchten bestimmte Begriffe immer wieder auf. Energiekosten. Arbeitskosten.
Steuern. Bürokratie. Lange Genehmigungsverfahren.
Infrastruktur. Planungsunsicherheit.
Die DIHK nennt genau diese Faktoren in ihrer aktuellen Untersuchung zu Auslandsinvestitionen. Besonders auffällig: Von den Industrieunternehmen, die aus Kostengründen im Ausland investieren, sehen 71 Prozent die Arbeitskosten in Deutschland als Geschäftsrisiko. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir jetzt einfach Löhne halbieren sollten.
Denn hohe Löhne sind für Arbeitnehmer erst einmal etwas ausgesprochen Schönes. Ich kenne jedenfalls niemanden, der morgens begeistert zur Arbeit fährt und denkt: Hoffentlich bekomme ich nächsten Monat weniger Geld. Aber Unternehmen interessiert am Ende, was eine Arbeitsstunde insgesamt kostet und welche Produktivität damit erreicht wird.
Dazu kommen Sozialabgaben, Steuern, Energie, Regulierung und Verwaltungsaufwand. Jeder einzelne Punkt lässt sich politisch begründen. Zusammengenommen entscheidet das Unternehmen aber irgendwann nur noch: Lohnt sich die Investition hier noch?
Bürokratie klingt langweilig – bis man sie bezahlen muss
Über Bürokratie wird seit ungefähr hundert Jahren geschimpft. Wahrscheinlich hat schon irgendein Unternehmer im Kaiserreich gesagt: „Wenn ich noch ein Formular ausfüllen muss, wandere ich aus.“ 😁 Deshalb neige ich bei dem Wort inzwischen selbst ein bisschen zum Augenrollen. Aber irgendwann wird aus dem ewigen Gemecker ein echter Kostenfaktor.
Ein großes Unternehmen kann eigene Rechtsabteilungen, Steuerexperten und Compliance-Abteilungen beschäftigen. Ein Mittelständler muss denselben regulatorischen Wahnsinn vielleicht mit zehn Leuten bewältigen, die eigentlich etwas anderes tun sollten. Und noch problematischer wird es, wenn niemand genau weiß, welche Regeln in fünf Jahren gelten.
Unternehmen können mit hohen Kosten rechnen. Was sie schlecht kalkulieren können, ist Unsicherheit. Eine Fabrik wird schließlich nicht für die nächste Bundestagswahl gebaut.
Sie soll möglicherweise 30 oder 40 Jahre produzieren.
Und nein, ich glaube nicht an die große geheime Zerstörung Deutschlands
Bei solchen Themen dauert es im Internet ungefähr drei Minuten, bis jemand erklärt, das alles könne gar keine Inkompetenz mehr sein und müsse deshalb absichtlich geschehen. Da gehe ich nicht mit. Politik kann falsche Prioritäten setzen.
Politik kann ideologisch werden. Politiker können Probleme unterschätzen. Regierungen können schlechte Gesetze machen und an Lösungen festhalten, die in der Praxis nicht funktionieren.
Dafür brauche ich keine geheimen Hintermänner, die morgens in einem dunklen Raum zusammensitzen und überlegen, wie sie heute Deutschland ruinieren.
Die wesentlich banalere Erklärung reicht vollkommen: Politische Entscheidungen haben Nebenwirkungen. Und manchmal erkennt Politik diese Nebenwirkungen zu spät.
Aber „die Politik macht gar nichts“ stimmt ebenfalls nicht
An diesem Punkt musste ich auch Jürgens Aussage etwas korrigieren. Die Bundesregierung macht natürlich nicht buchstäblich nichts. Es gibt Programme zur Senkung von Energiekosten, Investitionsanreize, Maßnahmen zum Bürokratieabbau, Infrastrukturinvestitionen und zahlreiche wirtschaftspolitische Reformvorhaben.
Man kann darüber streiten, ob sie richtig konstruiert sind. Man kann sagen, sie reichen nicht. Man kann fragen, warum gleichzeitig an anderer Stelle neue Belastungen entstehen.
Aber „nichts“ ist sachlich zu einfach.
Die entscheidende Frage lautet für mich deshalb nicht: Tut die Regierung etwas? Sondern: Kommt bei den Unternehmen genug davon an, um ihre Investitionsentscheidungen zu verändern?
Denn daran sollte sich Wirtschaftspolitik am Ende messen lassen. Nicht an der Zahl der Pressekonferenzen.
Deutschland ist nicht pleite – aber das ist eine ziemlich niedrige Messlatte
Irgendwann sagte ich zu Nova: „Also ist dieses ganze Gerede vom wirtschaftlichen Untergang Deutschlands übertrieben?“ „Deutschland steht nicht unmittelbar vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch.“ „Das klingt jetzt nicht gerade beruhigend.“ Und genau so empfinde ich es.
Natürlich ist Deutschland weiterhin eine der größten Volkswirtschaften der Welt. Wir besitzen hervorragende Unternehmen, gut ausgebildete Menschen, Forschungseinrichtungen, Infrastruktur, einen großen europäischen Binnenmarkt und enormes technologisches Wissen.
Aber gerade deshalb sollten wir uns nicht mit der Feststellung zufriedengeben: Noch ist Deutschland nicht kaputt. Was wäre das denn für ein Anspruch? Die entscheidende Frage muss doch sein, ob wir unsere wirtschaftliche Stärke behalten.
Neue Unternehmen sind wunderbar – aber wir dürfen die alten Stärken nicht einfach verlieren
Ich freue mich über jeden Menschen, der ein Unternehmen gründet. Und die steigenden Gründungszahlen sind tatsächlich eine gute Nachricht. Aber eine moderne Volkswirtschaft braucht unterschiedliche Arten von Unternehmen.
Start-ups, Handwerk, Dienstleister, Einzelhandel , Technologieunternehmen, Und eben auch Industrie. Denn Industrie schafft eine enorme Wertschöpfung und zieht ganze Netzwerke anderer Unternehmen hinter sich her.
Wenn industrielle Produktion schleichend verschwindet, bemerkt man das möglicherweise lange nicht. Zuerst wird eine Investition verschoben. Dann wird eine neue Produktionslinie im Ausland gebaut.
Später wandert vielleicht ein Teil der Entwicklung hinterher. Zulieferer folgen den Kunden. Ausbildungskapazitäten werden reduziert.
Know-how verschiebt sich. Und irgendwann fragt man sich: Wann ist das eigentlich passiert? Vielleicht ist genau deshalb der Begriff schleichende Deindustrialisierung so treffend.
Schleichend bedeutet eben nicht, dass morgen sämtliche Fabriktore geschlossen werden. Es bedeutet, dass man möglicherweise erst spät erkennt, wie viel bereits verschwunden ist.
Mein Fazit nach unserem kleinen Faktencheck
Ich bin also bei Jürgen Milski gestartet und dachte zunächst: Der Mann hat recht, hier geht alles den Bach runter. Nach der Recherche würde ich es etwas anders formulieren. Deutschland geht nicht den Bach runter.
Aber Deutschland besitzt ein ernstzunehmendes Standortproblem. Und das ist keine Erfindung irgendeiner Partei, kein Facebook-Märchen und keine Schlagzeile, die man einfach mit dem Hinweis auf neue Gewerbeanmeldungen erledigen kann.
Wenn rund 40 Prozent der befragten Industrieunternehmen Verlagerungen von Investitionen oder Produktionskapazitäten erwägen, umsetzen oder bereits umgesetzt haben, dann möchte ich darüber reden. Wenn 41 Prozent der auslandsinvestierenden Industrieunternehmen Kosteneinsparungen als Hauptmotiv nennen, möchte ich wissen, warum Deutschland ihnen zu teuer geworden ist. Und wenn gleichzeitig Hunderttausende neue Gewerbe entstehen, dann freue ich mich darüber.
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Vielleicht sollten wir endlich aufhören, Wirtschaft wie einen Fußballverein zu behandeln. Wer die Regierung mag, muss nicht behaupten, alles sei wunderbar. Wer die Regierung nicht mag, muss nicht behaupten, Deutschland sei bereits ein Entwicklungsland.
Und wer auf Probleme hinweist, ist nicht automatisch Anhänger irgendeiner Partei. Man darf tatsächlich einfach eine Zahl anschauen und sagen: Verdammt, darüber sollten wir reden.
„Nova, und was würdest du tun?“
Zum Schluss stellte ich natürlich noch die Frage, die Politiker vermutlich am wenigsten mögen. „Nova, jetzt haben wir lange genug gemeckert. Was müsste man denn ändern?“ Diesmal war ihre Antwort erstaunlich unspektakulär.
Deutschland müsste wieder stärker darum konkurrieren, dass Unternehmen hier investieren wollen. Nicht indem wir Umweltstandards abschaffen, Arbeitnehmer schlecht bezahlen oder sämtliche Regeln aus dem Fenster werfen. Sondern indem wir uns bei jeder neuen Regel eine ziemlich einfache Frage stellen: Hilft diese Entscheidung dabei, Wertschöpfung, Innovation und Arbeitsplätze in Deutschland zu halten – oder macht sie den Standort noch komplizierter und teurer?
Energie muss international wettbewerbsfähig sein. Genehmigungen müssen schneller werden. Bürokratie muss tatsächlich verschwinden und darf nicht nur in einem Gesetz abgebaut und im nächsten wieder neu geschaffen werden.
Unternehmen brauchen Planungssicherheit. Und Investitionen müssen sich wieder lohnen. Das klingt nicht besonders revolutionär.
Vielleicht liegt genau darin das Problem. Wir diskutieren inzwischen so gerne über Parteien, Ideologien und Schuldige, dass die langweiligen praktischen Dinge untergehen.
Ein Unternehmer entscheidet am Ende nämlich nicht nach Talkshow-Applaus. Er nimmt seinen Taschenrechner. Deutschland.
Polen. USA. Frankreich.
Tschechien. China. Und irgendwo unter diesen Ländern steht eine Zahl.
Wenn Deutschland dort dauerhaft verliert, hilft uns irgendwann auch die schönste politische Erklärung nicht mehr. Dann steht die nächste Fabrik eben woanders.
Und genau das ist der Teil an Jürgen Milskis Video, der mir nach unserer Recherche noch mehr Sorgen macht als vorher. Nicht die Unternehmen, deren Schließung wir heute in den Nachrichten sehen. Sondern die Unternehmen, Fabriken, Forschungsabteilungen und Arbeitsplätze, die morgen vielleicht gar nicht erst hier entstehen.
Die sieht man nämlich nicht verschwinden. Und vielleicht sollten wir gerade deshalb endlich genauer hinschauen.
Quellen zum Weiterlesen:
Statistisches Bundesamt: Gewerbeneugründungen 2025
DIHK: Energiewende-Barometer 2026
DIHK: Auslandsinvestitionen der Industrie 2026
Statistisches Bundesamt: BIP im zweiten Quartal 2026