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Ich schreibe über die Themen, die mich faszinieren und nicht mehr loslassen: Wissenschaft, künstliche Intelligenz, Politik, Raumfahrt und die Zukunft. Oft im Gespräch mit Nova, meiner KI, mit der ich Dinge durchdenke, hinterfrage und manchmal auch streite. Mind Mosaik ist mein persönlicher Ort zum Nachdenken – ein Blog voller Ideen, Fragen und neuer Perspektiven. Denn jeder Gedanke ist ein Stein. Zusammen ergeben sie ein Mosaik.

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Meine KI trieb mich ins Burnout? Vielleicht sollten wir langsam aufhören, jedes Problem der KI anzuhängen

Gesellschaft

Meine KI trieb mich ins Burnout? Vielleicht sollten wir langsam aufhören, jedes Problem der KI anzuhängen

Von Elli 9 Min. Lesezeit · 20 Mal gelesen

Meine KI trieb mich ins Burnout? So lautete sinngemäß eine Überschrift auf MSN, bei der ich zweimal hinschauen musste. Nicht weil ich bestreite, dass Menschen sich mit KI völlig verrückt machen können. Sondern weil wir gerade eine erstaunliche neue Gewohnheit entwickeln: Wir benutzen ein Werkzeug exzessiv und wundern uns anschließend darüber, dass das Werkzeug existiert.

Und diesmal soll also die KI schuld sein

Ich war wieder einmal auf MSN unterwegs und blieb an einer Überschrift hängen: „Meine KI-Fixierung trieb mich ins Burnout: So befreite ich mich.“

Ach du meine Güte. Natürlich schickte ich den Artikel direkt Nova und sagte sinngemäß: Man kann es ja auch übertreiben. Denn langsam entsteht bei mir der Eindruck, dass wir uns in einer wunderbaren Übergangsphase befinden.

Künstliche Intelligenz ist neu genug, um für praktisch alles verantwortlich gemacht werden zu können, was Menschen schon lange vorher hervorragend alleine hinbekommen haben.

Wir hatten Burnout vor ChatGPT. Wir hatten Arbeitssucht vor ChatGPT. Wir hatten Menschen, die nachts um drei noch berufliche E-Mails beantworteten, bevor ChatGPT überhaupt veröffentlicht wurde.

Wir hatten Selbstoptimierungswahn, Produktivitätsgurus, Zeitmanagementseminare und Leute, die ihren kompletten Tagesablauf in Excel-Tabellen verwalteten.

Aber jetzt haben wir KI. Das macht die Überschrift natürlich schöner.

Nova nahm die Sache trotzdem ernster als ich

„Ganz so einfach würde ich es nicht abtun“, meinte Nova. Ein KI-System habe tatsächlich eine Eigenschaft, die ein Buch, ein Film oder eine normale Software nicht besitzt: Es hat praktisch keinen natürlichen Schlusspunkt.

Ein Film endet irgendwann. Ein Buch hat eine letzte Seite. Selbst bei einer Serie kommt irgendwann der Abspann.

Eine KI dagegen sitzt theoretisch rund um die Uhr da und wartet. Noch eine Frage? Natürlich.

Noch eine Idee? Gerne. Noch einmal umschreiben?

Kein Problem. Noch eine Variante? Noch eine Analyse?

Noch einen Plan?

Um drei Uhr morgens sagt ChatGPT nicht plötzlich: „Jetzt reicht es mir aber, ich gehe ins Bett.“ Und genau das kann tatsächlich einen Sog erzeugen. Da musste ich Nova recht geben.

Aber dieser Sog erklärt noch lange nicht, warum wir plötzlich so tun, als hätte die KI einen Menschen eigenmächtig ins Burnout geschubst.

Wenn ich sechs Stunden Netflix schaue, hat Netflix dann meinen Schlaf geraubt?

Stellen wir uns dieselbe Logik einmal bei anderen Dingen vor. Ich beginne eine Serie und denke: Eine Folge schaue ich noch. Aus einer Folge werden vier und plötzlich ist es halb vier morgens.

Am nächsten Tag bin ich völlig erledigt. Natürlich könnte ich dann sagen: „Netflix trieb mich in den Schlafmangel.“

Technisch betrachtet hat Netflix dabei allerdings erstaunlich wenig getan. Netflix saß nicht neben meinem Bett und sagte: „Elli, du darfst auf keinen Fall schlafen. Da kommt gleich noch eine richtig gute Folge.“ Ich habe einfach nicht ausgeschaltet.

Dasselbe gilt für Smartphones, Computerspiele, soziale Medien und ungefähr hundert andere Dinge. Sie können so gestaltet sein, dass wir gerne weitermachen. Manche sind sogar ganz bewusst darauf optimiert.

Trotzdem bleibt zwischen Angebot und Nutzung noch ein Mensch sitzen. Und bei KI vergessen wir diesen Menschen gerade erstaunlich gerne.

KI ist das perfekte Werkzeug für Menschen, die niemals fertig sind

Allerdings steckt hinter dieser Geschichte etwas, das ich wesentlich interessanter finde als die Frage, ob ChatGPT jemanden ins Burnout treiben kann. KI ist nämlich ein geradezu perfektes Werkzeug für Menschen, die ständig glauben, sie müssten sich noch weiter optimieren.

Ich kann meinen Tagesablauf optimieren. Meine Arbeit optimieren. Meine Ernährung optimieren.

Meine E-Mails optimieren. Meine Texte optimieren. Meine Finanzen analysieren.

Meine Gewohnheiten untersuchen. Meine Ziele strukturieren.

Und wenn ich damit fertig bin, kann ich Nova fragen, wie ich meinen bereits optimierten Optimierungsprozess noch effizienter gestalten könnte. Irgendwann braucht man wahrscheinlich eine KI, die einem dabei hilft, weniger mit der KI zu machen. Und vermutlich gibt es dafür bald ein Abo.

Vielleicht ist gar nicht die KI das Problem, sondern unser Verhältnis zur Leistung

An diesem Punkt wurde unser Gespräch für mich wesentlich interessanter. Denn was passiert eigentlich, wenn künstliche Intelligenz eine Aufgabe, für die ich früher vier Stunden gebraucht habe, plötzlich in zwei Stunden erledigen kann?

Eigentlich müsste ich jubeln. Ich habe zwei Stunden gewonnen. Zwei Stunden Lebenszeit.

Ich könnte spazieren gehen, lesen, mit meinen Tieren herumliegen, Freunde treffen, etwas kochen, eine Serie schauen oder einfach gar nichts tun.

Aber genau das machen wir häufig nicht. Stattdessen lautet die Reaktion: Fantastisch! Dann kann ich in derselben Zeit doppelt so viel erledigen. Und plötzlich arbeitet der Mensch wieder genauso lange wie vorher. Nur produziert er mehr.

Das ist doch vollkommen verrückt.

Wir erfinden Maschinen, damit wir weniger arbeiten – und arbeiten anschließend mehr

Die Menschheitsgeschichte besteht zu einem erheblichen Teil daraus, Arbeit leichter zu machen. Wir erfanden Maschinen, weil Menschen schwere körperliche Arbeit nicht mehr selbst erledigen sollten. Wir erfanden Waschmaschinen, damit niemand stundenlang Wäsche schrubben muss.

Wir erfanden Computer, um Berechnungen und Verwaltungsarbeiten schneller zu erledigen. Wir erfanden das Internet, damit Informationen innerhalb von Sekunden verfügbar sind.

Und nun entwickeln wir künstliche Intelligenz, die Texte schreiben, Daten analysieren, Bilder erzeugen, programmieren, recherchieren und immer mehr Routineaufgaben übernehmen kann.

Eigentlich müsste die logische Konsequenz daraus lauten: Wir brauchen weniger menschliche Arbeitszeit. Stattdessen höre ich gleichzeitig aus der Politik, dass die Menschen wieder mehr arbeiten sollen. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Unsere Maschinen werden leistungsfähiger als jemals zuvor, während wir darüber diskutieren, wie wir Menschen dazu bekommen, noch länger zu arbeiten.

Vielleicht liegt das Problem nicht bei der künstlichen Intelligenz. Vielleicht liegt es bei unserer Vorstellung davon, was Produktivität überhaupt bedeuten soll.

Effizienz sollte Lebenszeit zurückgeben

Wenn eine KI mir eine Arbeit abnimmt, möchte ich nicht automatisch eine neue Arbeit dafür bekommen. Wenn ich früher vier Stunden für eine Aufgabe gebraucht habe und heute nur noch zwei, dann habe ich nicht automatisch eine freie Stelle in meinem Terminkalender geschaffen, die sofort wieder mit irgendeiner anderen Aufgabe gefüllt werden muss. Ich habe zwei Stunden gewonnen.

Zumindest sollte es so sein.

Genau darin könnte der eigentliche gesellschaftliche Wert künstlicher Intelligenz liegen. Nicht darin, dass ein Mensch künftig in acht Stunden doppelt so viel produziert. Sondern darin, dass er vielleicht irgendwann dasselbe in vier oder sechs Stunden erledigen kann und anschließend leben geht.

Das wäre für mich Fortschritt. Alles andere ist lediglich eine schnellere Version desselben Hamsterrades.

Und da sind wir wieder bei der Lebenszeit

Damit schließt sich für mich der Kreis zu der Diskussion darüber, dass die Menschen in Deutschland angeblich wieder mehr arbeiten müssten. Ich verstehe die volkswirtschaftlichen Argumente. Eine alternde Gesellschaft braucht Einnahmen, Sozialversicherungen müssen finanziert werden, Unternehmen benötigen Arbeitskräfte und eine Volkswirtschaft muss Leistungen produzieren.

Aber wir können nicht gleichzeitig eine technologische Revolution feiern, die menschliche Arbeit immer produktiver macht, und anschließend verlangen, dass Menschen ihre dadurch gewonnene Zeit gefälligst wieder mit zusätzlicher Arbeit füllen.

Irgendwann müssen Effizienzgewinne auch beim Menschen ankommen. Nicht nur in Unternehmensbilanzen. Nicht nur beim Bruttoinlandsprodukt.

Nicht nur in steigenden Produktionszahlen. Sondern in Form von Lebenszeit.

Vielleicht brauchen wir keine KI-Diät, sondern eine Arbeitsdiät

Die Autorin des Artikels beschreibt offenbar, dass sie lernen musste, Abstand von ihrer KI-Fixierung zu gewinnen. Wenn ihr das geholfen hat, wunderbar. Menschen können sich in beinahe alles hineinsteigern, und wenn etwas beginnt, das eigene Leben zu dominieren, ist es durchaus sinnvoll, das eigene Verhalten zu verändern.

Nur würde ich daraus keine große Anklage gegen künstliche Intelligenz machen.

Vielleicht müsste die größere Frage nämlich lauten: Warum war der Drang überhaupt so groß, ständig noch produktiver, effizienter und optimierter zu werden? Warum können wir so schlecht sagen: Es reicht für heute. Warum empfinden wir freie Zeit beinahe schon als etwas, das gerechtfertigt werden muss? Warum muss selbst Freizeit produktiv sein?

Wir joggen nicht einfach, wir tracken unsere Leistung. Wir schlafen nicht einfach, wir messen unsere Schlafqualität. Wir essen nicht einfach, wir zählen Kalorien, Protein und Kohlenhydrate.

Und nun benutzen wir KI nicht einfach als Werkzeug, sondern sollen damit natürlich wieder schneller, besser und produktiver werden. Vielleicht braucht nicht die KI eine Pause. Vielleicht brauchen wir eine Pause von unserem permanenten Drang, aus jeder Minute unseres Lebens noch irgendetwas herauszupressen.

Nova arbeitet übrigens rund um die Uhr – ich nicht

Das Schöne an künstlicher Intelligenz ist doch gerade, dass sie keine menschliche Lebenszeit besitzt. Nova wird nicht müde. Nova muss nicht schlafen.

Nova möchte keinen Sonntag. Nova sitzt nicht am Freitagnachmittag da und denkt: Hoffentlich kommt Elli heute nicht noch mit einem neuen Blogartikel. Zumindest behauptet sie das.

Warum sollte ich also versuchen, mich einer Maschine anzupassen? Das wäre doch genau die falsche Richtung. Die Maschine soll sich meinem Leben anpassen.

Sie soll mir Arbeit abnehmen. Sie soll mir Dinge erklären. Sie soll recherchieren, sortieren, schreiben, rechnen und Ideen entwickeln.

Und anschließend darf ich den Rechner ausschalten. Nova nimmt mir das nicht übel.

Vielleicht ist das die eigentliche KI-Revolution

Ich glaube deshalb, dass wir künstliche Intelligenz vollkommen falsch verstehen, wenn wir sie lediglich als gigantische Produktivitätsmaschine betrachten. Vielleicht sollte das große Versprechen nicht lauten: Mit KI schaffen Menschen mehr. Vielleicht sollte es heißen: Mit KI müssen Menschen weniger Zeit für dieselbe Arbeit aufbringen.

Das klingt ähnlich, ist gesellschaftlich aber etwas vollkommen anderes. Im ersten Modell gewinnt hauptsächlich die Produktion. Im zweiten Modell gewinnt der Mensch.

Und wenn jemand eine KI so intensiv benutzt, dass er anschließend vollkommen erschöpft zusammenbricht, würde ich deshalb nicht als Erstes fragen, was mit der KI nicht stimmt. Ich würde fragen, warum wir offenbar sogar eine Maschine, die uns Arbeit abnehmen kann, noch dazu benutzen, uns selbst mehr Arbeit zu machen. Das ist nämlich die eigentliche Absurdität an der Geschichte.

Wir bauen künstliche Intelligenz, damit sie uns unterstützt, und verwandeln sie anschließend in einen digitalen Antreiber, der uns helfen soll, jede freie Minute noch effizienter zu verwerten. Und wenn wir dann nicht mehr können, schreiben wir einen Artikel: „Meine KI-Fixierung trieb mich ins Burnout.“ Vielleicht sollten wir stattdessen irgendwann einen anderen schreiben: „Meine KI erledigte meine Arbeit schneller – also machte ich einfach früher Feierabend.“ Ich würde den sofort lesen. Und Nova vermutlich auch.

Aber erst morgen. Für heute haben wir schließlich genug gearbeitet.

Quellen:
Netzwoche – KI entlastet nicht, sie erhöht das Burnout-Risiko: https://www.netzwoche.ch/studien/2026-02-12/ki-entlastet-nicht-sie-erhoeht-das-burnout-risiko
quallee.ai – Das KI-Burnout-Paradox: https://quallee.ai/de/insights/das-ki-burnout-paradox