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Ich schreibe über die Themen, die mich faszinieren und nicht mehr loslassen: Wissenschaft, künstliche Intelligenz, Politik, Raumfahrt und die Zukunft. Oft im Gespräch mit Nova, meiner KI, mit der ich Dinge durchdenke, hinterfrage und manchmal auch streite. Mind Mosaik ist mein persönlicher Ort zum Nachdenken – ein Blog voller Ideen, Fragen und neuer Perspektiven. Denn jeder Gedanke ist ein Stein. Zusammen ergeben sie ein Mosaik.

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Internet-Überkonsum: Forscher entdecken die Versuchung – wer hätte das gedacht?

Gesellschaft

Internet-Überkonsum: Forscher entdecken die Versuchung – wer hätte das gedacht?

Von Elli 11 Min. Lesezeit · 15 Mal gelesen

Ich war wieder einmal bei MSN unterwegs und blieb an einer Überschrift hängen, bei der mein erster Gedanke ungefähr lautete: Das kann jetzt nicht deren Ernst sein. Eine neue Studie beschäftigt sich mit Internet-Überkonsum und kommt zu dem Ergebnis, dass die „Versuchung“ dabei eine zentrale Rolle spielt.

Ich musste lachen. Menschen verbringen also zu viel Zeit im Internet, weil sie immer wieder den Drang verspüren, ins Internet zu gehen. Wer hätte das gedacht?

In meinem Kopf entstanden sofort weitere bahnbrechende Forschungsprojekte: Menschen essen Schokolade, weil Schokolade sie verlockt, Menschen bleiben länger im Bett, weil Aufstehen weniger gemütlich ist, und möglicherweise könnte sogar Durst eine bislang unterschätzte Rolle beim Wassertrinken spielen.

Bevor ich die Wissenschaft allerdings vollständig für verrückt erklärte, holte ich Nova dazu. Sie kennt das inzwischen schon: Ich komme mit irgendeiner Überschrift um die Ecke, mache mich erst einmal darüber lustig und anschließend soll sie herausfinden, ob hinter der scheinbaren Banalität vielleicht doch etwas Interessantes steckt.

Und tatsächlich musste Nova meine schöne Theorie von der vollkommen überflüssigen Studie ziemlich schnell ruinieren. Denn die Forscher haben keineswegs jahrelang untersucht, ob Menschen ins Internet gehen, wenn sie Lust aufs Internet haben. Hinter dem zunächst banal klingenden Begriff „Versuchung“ steckt ein psychologischer Mechanismus, der einiges darüber erklären könnte, warum wir manchmal nur ganz kurz aufs Handy oder an den Rechner wollen und eine Stunde später immer noch dort hängen.

Erst einmal die schlechte Nachricht: Stress ist nicht allein schuld

Bei der Studie wurden zunächst mehr als 1.200 Erwachsene untersucht, anschließend begleitete das Forschungsteam rund 900 Teilnehmer über zwei Wochen durch ihren Alltag. Dabei wurde regelmäßig erfasst, wie gestresst die Menschen waren, welche Stimmung sie hatten, wie stark ihr Drang nach bestimmten Online-Aktivitäten war und ob ihre Internetnutzung dazu führte, dass andere Dinge vernachlässigt wurden.

Ich war zunächst überzeugt, dass jetzt wieder die übliche Erklärung kommen würde: Wir sind gestresst, deshalb flüchten wir ins Internet. Das klingt schließlich logisch. Nach einem anstrengenden Tag möchte man nicht unbedingt noch Kant lesen, sondern vielleicht einfach Videos anschauen, durch Facebook scrollen oder sich von irgendwelchen Menschen erklären lassen, warum die Welt spätestens kommenden Dienstag untergeht.

Nova erklärte mir allerdings, dass genau diese einfache Erklärung offenbar zu kurz greift. Stress und schlechte Stimmung können zwar eine Rolle spielen, aber sie führen nicht automatisch zu problematischer Internetnutzung. Viel interessanter scheint zu sein, was zwischen dem unangenehmen Gefühl und dem tatsächlichen Verhalten passiert.

Und dort kommt die ominöse Versuchung ins Spiel.

Die Versuchung ist nicht das Internet selbst

Mit „Versuchung“ meinen die Forscher nicht einfach, dass irgendwo ein Smartphone herumliegt und uns böse anschaut. Gemeint ist der subjektive Drang, jetzt eine bestimmte Online-Aktivität auszuführen. Man möchte kurz Facebook öffnen, noch ein Video ansehen, nachsehen, ob jemand geschrieben hat, schnell etwas googeln oder eben nur ganz kurz schauen, was es Neues gibt.

Dieses „nur ganz kurz“ kennen vermutlich ziemlich viele Menschen.

Nova erklärte mir, dass genau dieser Moment psychologisch interessant ist. Ein unangenehmes Gefühl wie Langeweile, Stress oder schlechte Stimmung kann einen Drang auslösen. Gibt man diesem Drang nach und erlebt anschließend etwas Angenehmes, bekommt das Gehirn gewissermaßen eine kleine Bestätigung: Das hat funktioniert.

Beim nächsten unangenehmen Moment liegt dieselbe Reaktion deshalb ein kleines bisschen näher.

Damit ergibt sich ein Kreislauf: Man fühlt sich gestresst oder gelangweilt, verspürt den Drang nach einer bestimmten Online-Aktivität, gibt diesem Drang nach und erlebt kurzfristig Unterhaltung, Ablenkung oder Erleichterung. Wird dieses Muster häufig wiederholt, kann aus einer bewussten Entscheidung zunehmend eine Gewohnheit werden.

Okay, dachte ich. Ganz so albern ist die Studie also doch nicht. Das ärgerte mich ein bisschen, denn meine Schokoladenforschung hatte mir eigentlich gut gefallen.

Aber warum kann der eine aufhören und der andere nicht?

An diesem Punkt wurde es für mich tatsächlich interessant. Denn wenn Stress allein problematische Internetnutzung verursachen würde, müssten gestresste Menschen alle ungefähr dasselbe Verhalten zeigen.

Tun sie aber offensichtlich nicht.

Der eine geht spazieren, die nächste schaut eine Serie, jemand kocht, ein anderer spielt drei Stunden am Computer und wieder jemand hängt auf Social Media fest. Manche Menschen können nach zehn Minuten problemlos aufhören, während andere noch eine Stunde später denken, sie wollten doch eigentlich nur kurz etwas nachsehen.

Nova erklärte mir, dass genau deshalb der Drang beziehungsweise die Versuchung als Zwischenstufe interessant ist. Nicht nur der äußere oder innere Auslöser zählt, sondern auch, wie stark daraus der Wunsch nach einer bestimmten Handlung entsteht und wie gut jemand diesen Impuls anschließend kontrollieren kann.

Das klingt plötzlich gar nicht mehr nach „Menschen gehen ins Internet, weil sie ins Internet wollen“, sondern nach einer wesentlich interessanteren Frage: Warum entwickelt unser Gehirn ausgerechnet für bestimmte digitale Aktivitäten einen so starken Drang?

Und damit landeten Nova und ich ziemlich schnell bei einem Punkt, über den ich in der ursprünglichen Überschrift viel lieber etwas gelesen hätte.

Das Internet sitzt schließlich nicht unschuldig in der Ecke

Wenn wir von „Versuchung“ sprechen, klingt das zunächst so, als wäre ausschließlich der Nutzer das Problem. Da liegt eben das Smartphone und der Mensch besitzt leider nicht genügend Selbstbeherrschung, um die Finger davon zu lassen.

Nur funktioniert unsere digitale Welt nicht so.

Viele große Plattformen leben davon, dass wir möglichst häufig zurückkommen und möglichst lange bleiben. Unsere Aufmerksamkeit ist wirtschaftlich wertvoll. Je länger wir eine Plattform benutzen, desto mehr Werbung kann gezeigt werden, desto mehr Daten entstehen und desto größer ist häufig die Wahrscheinlichkeit, dass wir irgendwann etwas kaufen, abonnieren oder anklicken.

Deshalb wurden über Jahre Mechanismen entwickelt, die uns genau zu diesem Verhalten bringen sollen. Dazu gehören personalisierte Empfehlungen, Benachrichtigungen, automatisch startende Videos, Likes, neue Kommentare, wechselnde Inhalte und natürlich das berühmte endlose Scrollen.

Früher hatte eine Zeitung irgendwann eine letzte Seite. Das Internet hat keine. Und dieser Unterschied ist größer, als er zunächst klingt.

Das endlose Scrollen ist eigentlich eine ziemlich geniale Erfindung

Nova brachte mich dabei auf einen Gedanken, den ich vorher kaum beachtet hatte. Bei vielen Dingen besitzt unser Verhalten einen natürlichen Endpunkt.

Ein Buch hat ein letztes Kapitel, ein Film hat einen Abspann, eine Zeitung endet nach der letzten Seite und selbst eine Tüte Chips ist irgendwann leer. Natürlich kann man anschließend das nächste Buch nehmen oder die zweite Chipstüte öffnen, aber dafür muss man zumindest eine neue Entscheidung treffen.

Beim endlosen Feed existiert dieser Moment kaum noch.

Man wischt nach unten und bekommt etwas Neues. Noch einmal wischen, wieder etwas Neues. Ein lustiges Video, eine empörende Nachricht, ein Katzenbild, irgendeine Katastrophe, Werbung, ein politischer Streit und plötzlich ein Rezept für Kartoffelsalat.

Das Gehirn weiß nie genau, was als Nächstes kommt.

Und genau das macht die Sache interessant, denn unvorhersehbare Belohnungen können Verhalten besonders hartnäckig machen. Nicht jeder Beitrag gefällt uns, aber vielleicht kommt gleich etwas Spannendes. Also scrollen wir noch einmal.

Und noch einmal. Und noch einmal.

Hier musste Nova mich wahrscheinlich gar nicht mehr überzeugen. Wenn ich eigentlich nur kurz bei Facebook schauen wollte und eine halbe Stunde später weiß, dass eine Frau in Kanada ihrem Hund einen Pullover gestrickt hat, irgendein Politiker schon wieder irgendetwas gesagt hat und angeblich ein Asteroid auf die Erde zufliegt, ist offensichtlich unterwegs etwas mit meiner ursprünglichen Zeitplanung passiert.

Vielleicht haben wir gar kein Internetproblem, sondern ein Aufmerksamkeitsproblem

Das Wort „Internet-Überkonsum“ finde ich deshalb etwas schwierig. Das Internet ist schließlich inzwischen Werkzeug, Kommunikationsmittel, Bibliothek, Fernseher, Zeitung, Einkaufszentrum, Arbeitsplatz und Unterhaltung gleichzeitig.

Wer acht Stunden täglich am Computer arbeitet, hat nicht automatisch ein Internetproblem. Jemand kann auch drei Stunden einen interessanten Vortrag ansehen, ein Buch recherchieren oder mit Freunden sprechen, ohne dass diese Zeit zwangsläufig problematisch wäre.

Nova erklärte mir deshalb, dass die reine Nutzungsdauer ohnehin kein besonders guter Maßstab ist. Interessanter wird es dort, wo Menschen die Kontrolle verlieren, eigentlich aufhören möchten, andere wichtige Dinge vernachlässigen oder das Verhalten trotz negativer Folgen immer wieder fortsetzen.

Das finde ich wesentlich sinnvoller als irgendwelche pauschalen Aussagen darüber, wie viele Stunden Internet noch „gesund“ seien.

Denn sechs Stunden Recherche können für jemanden sinnvoller sein als zwanzig Minuten Doomscrolling, nach denen er anschließend überzeugt ist, die Menschheit stehe unmittelbar vor dem Untergang.

Die entscheidende Frage lautet also weniger: Wie lange bist du online? Sondern vielmehr: Bestimmst du noch selbst, wann du online bist und wann du wieder aufhörst?

Und jetzt bekommt die „Versuchung“ plötzlich eine ganz andere Bedeutung

Am Anfang hatte ich mich darüber lustig gemacht, dass Wissenschaftler ausgerechnet die Versuchung als wichtigen Faktor entdeckt haben.

Nach unserem kleinen Ausflug in die Psychologie sah ich den Begriff allerdings etwas anders.

Denn Versuchung entsteht nicht einfach im luftleeren Raum. Sie trifft auf digitale Systeme, die teilweise mit enormem Aufwand darauf optimiert werden, möglichst interessant, bequem und schwer wegzulegen zu sein.

Das bedeutet nicht, dass irgendwo ein finsterer Programmierer sitzt und morgens beschließt, die Menschheit abhängig zu machen. Viele dieser Mechanismen entstanden schlicht deshalb, weil Unternehmen bestimmte Dinge messen können: Wie viele Menschen klicken, wie lange bleiben sie, wann kommen sie zurück und was bringt Umsatz?

Wenn ein bestimmtes Design dazu führt, dass Menschen länger bleiben, ist es wirtschaftlich attraktiv.

Und irgendwann entsteht daraus eine Umgebung, in der unsere Aufmerksamkeit permanent umkämpft wird.

Das ist für mich die eigentlich spannende Geschichte hinter dieser Studie.

Wir konkurrieren mit Maschinen um unsere eigene Aufmerksamkeit

Früher musste etwas meine Aufmerksamkeit gewinnen. Heute versucht es zusätzlich, sie möglichst lange festzuhalten.

Netflix schlägt die nächste Serie vor, YouTube startet das nächste Video, TikTok liefert den nächsten Clip, Facebook den nächsten Beitrag und Online-Shops zeigen mir Dinge, von denen ich fünf Minuten vorher noch nicht wusste, dass ich sie angeblich dringend brauche.

Das alles funktioniert inzwischen zusätzlich mit Algorithmen, die immer besser darin werden, vorherzusagen, was mich interessieren könnte.

Nova erklärte mir, dass daraus keine magische Gedankenkontrolle wird. Wir bleiben durchaus entscheidungsfähig. Aber die Ausgangslage hat sich verändert, denn auf der anderen Seite sitzt kein zufälliges Fernsehprogramm mehr, sondern zunehmend ein personalisiertes System.

Das lernt zwar nicht meine Seele kennen, aber mein Verhalten.

Was klicke ich an, wobei bleibe ich länger hängen, was überspringe ich sofort und welche Themen bringen mich zurück? Aus genügend solcher Signale entsteht ein ziemlich brauchbares Modell meiner Aufmerksamkeit. Und plötzlich wirkt das Wort „Versuchung“ gar nicht mehr so banal.

Vielleicht ist Selbstbeherrschung irgendwann einfach das falsche Gegenmodell

Wir sagen gerne, Menschen müssten eben disziplinierter sein. Handy weglegen, Facebook schließen, weniger scrollen und sich einfach zusammenreißen. Das klingt wunderbar einfach.

Aber ich finde, wir machen es uns damit etwas zu bequem. Auf der einen Seite steht ein menschliches Gehirn, das sich seit Jahrtausenden für Neues, soziale Informationen, Überraschungen und Belohnungen interessiert. Auf der anderen Seite stehen milliardenschwere Unternehmen mit Psychologen, Designern, Datenanalysten, Algorithmen und inzwischen künstlicher Intelligenz, die genau herausfinden können, welche Inhalte Menschen möglichst lange beschäftigen.

Und dann erklären wir dem Menschen, er müsse eben ein bisschen mehr Willenskraft besitzen. Das ist zumindest ein interessantes Duell.

Nova würde vermutlich einwerfen, dass niemand diesem System vollkommen hilflos ausgeliefert ist, und damit hätte sie natürlich recht. Trotzdem finde ich die Machtverteilung bemerkenswert.

Wir besitzen ein Gehirn. Die andere Seite besitzt Rechenzentren.

Und natürlich mache ich trotzdem weiter

Das Schönste an dieser ganzen Geschichte ist allerdings, dass ich den Artikel über Internet-Überkonsum natürlich im Internet gefunden habe. Ich las ihn online, fragte Nova online, recherchierte das Thema online und schreibe anschließend einen Blogartikel darüber, den ich wiederum ins Internet stelle. Wenn das kein geschlossener Kreislauf ist, weiß ich auch nicht.

Immerhin habe ich dabei etwas gelernt. Meine anfängliche Vermutung, Wissenschaftler hätten lediglich entdeckt, dass Menschen einer Versuchung nachgeben, war ein bisschen unfair. Die eigentlich interessante Erkenntnis liegt darin, welche Rolle dieser konkrete Drang zwischen Stimmung, Stress und problematischem Verhalten spielen kann.

Noch spannender finde ich allerdings die Frage, die daraus entsteht. Wenn Versuchung tatsächlich eine so zentrale Rolle spielt, sollten wir vielleicht nicht ausschließlich die Menschen untersuchen, die ihr erliegen. Wir sollten uns mindestens genauso genau ansehen, wer diese Versuchung gestaltet.

Denn Facebook, TikTok, YouTube und all die anderen digitalen Angebote sind keine Naturphänomene. Sie wurden von Menschen entwickelt, getestet und immer weiter optimiert.

Vielleicht besteht die nächste große Herausforderung deshalb gar nicht darin, weniger Internet zu benutzen. Vielleicht müssen wir lernen, digitale Systeme so zu gestalten, dass sie unsere Aufmerksamkeit nicht automatisch als Ressource betrachten, die möglichst vollständig ausgeschöpft werden muss.

Bis dahin werde ich vermutlich weiterhin morgens denken, dass ich nur fünf Minuten schauen möchte, was es Neues gibt, und anschließend mit drei neuen Blogthemen, zwei absurden Meldungen und einer Frage an Nova wieder auftauchen.

Wobei ich zugeben muss: Für meinen Blog ist dieser Internet-Überkonsum gelegentlich ausgesprochen praktisch. Das erzähle ich der Studie aber lieber nicht. 😂

Quellen:
PLOS One – Temptation as a key driver between affective states and usage outcomes of problematic usage of the Internet (Müller et al., 2026): https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371%2Fjournal.pone.0352776