Also ganz ehrlich, langsam weiß ich nicht mehr, wie oft ich in den letzten Monaten gelesen habe, dass uns angeblich der nächste Krieg bevorsteht. Heute mache ich nichtsahnend die Nachrichten auf und was springt mir entgegen? „Finnland warnt vor Europas neuem Krieg mit Russland.“
Na super. Ich wollte eigentlich nur ein bisschen durch die Nachrichten schauen und nicht schon wieder überlegen, ob Putin demnächst bei uns vor der Tür steht.
Gefühlt geht das inzwischen ständig so. Hier warnt irgendein General, dort irgendein Geheimdienst, dann heißt es plötzlich, Russland könnte die NATO testen, dann sollen wir kriegstüchtig werden und irgendwo steht immer dabei, dass wir vielleicht nur noch ein paar Jahre Zeit haben. Mein Freund erzählt mir sowieso dauernd, dass bald Krieg kommt.
Gut, der steckt tief in der Verschwörungsszene und bei ihm geht die Welt gefühlt jeden zweiten Dienstag unter. Das bin ich inzwischen gewohnt. Aber als mein Sohn neulich auch meinte, dass er langsam das Gefühl bekommt, es könnte tatsächlich Krieg geben, dachte ich mir schon: Okay, wenn das inzwischen sogar bei Leuten ankommt, die mit Telegram-Weltuntergang überhaupt nichts am Hut haben, dann schauen wir uns das doch mal genauer an.
Also habe ich natürlich Nova gefragt. „Sag mal, was ist denn jetzt schon wieder los? Wissen die Finnen irgendwas, was wir nicht wissen?“
Und Nova fing an zu suchen. Das Blöde ist: Ganz erfunden ist die Geschichte natürlich nicht. Das hätte die Sache wesentlich einfacher gemacht.
Dann hätte ich einfach „Panikmache“ darüber schreiben und meinen Kaffee weitertrinken können. Finnland sieht Russland tatsächlich als langfristige Gefahr und warnt davor, dass Russland nach einem Ende des Ukrainekriegs wieder mehr Soldaten und militärisches Gerät an seine westlichen Grenzen verlegen könnte. Deshalb soll Europa sich besser aufstellen und verteidigungsfähig bleiben.
Okay.
Da sitze ich also und denke: Ja, verstehe ich. Finnland hat über 1.300 Kilometer Grenze mit Russland. Wenn irgendein europäisches Land genau hinschaut, was Putin auf seiner Seite der Grenze veranstaltet, dann vermutlich die Finnen.
Würde ich an deren Stelle wahrscheinlich genauso machen.
Nur fragte ich Nova dann: „Moment mal. Wo steht denn jetzt, dass der Krieg kommt?“ Und da wird es lustig. Denn eigentlich sagt Finnland gar nicht: „Leute, macht euch fertig, Russland greift Europa an.“
Die sagen eher: „Wir wissen nicht, was Russland in ein paar Jahren macht, also sorgen wir besser dafür, dass es gar nicht erst auf dumme Gedanken kommt.“
Das ist doch etwas völlig anderes. Wenn ich mir eine Alarmanlage ans Haus baue, bedeutet das schließlich auch nicht, dass ich weiß, dass morgen eingebrochen wird. Ich möchte einfach, dass der Typ, der vielleicht irgendwann auf die Idee kommen könnte, mein Fenster aufzuhebeln, sich lieber das nächste Haus aussucht.
Okay, vielleicht schlechtes Beispiel. Der Nachbar soll natürlich auch nicht ausgeraubt werden. Aber ihr wisst, was ich meine.
Und genau da frage ich mich inzwischen wirklich, was diese ständigen Schlagzeilen mit uns machen.
Denn natürlich könnte Russland irgendwann einen NATO-Staat angreifen. Theoretisch könnte morgen auch sonst was passieren. Niemand kann fünf oder zehn Jahre in die Zukunft schauen.
Aber zwischen „könnte irgendwann passieren“ und „Europa droht ein neuer Krieg“ liegt doch noch ein klitzekleiner Unterschied. Ungefähr so groß wie Russland.
Und dann habe ich Nova gefragt, warum Putin überhaupt so bescheuert sein sollte, Finnland oder Polen anzugreifen. Bei der Ukraine kann man über Putins Gründe diskutieren, so lange man möchte. Aber ein Angriff auf Finnland, Polen oder Estland wäre etwas völlig anderes, denn dann hätte er nicht nur dieses eine Land am Hals.
Dann hätte er die NATO am Hals.
Und da sind wir bei dem Punkt, den ich bei diesen ganzen „Russland greift bald Europa an“-Geschichten manchmal vermisse. Putin weiß doch auch, was die NATO ist. Der sitzt doch nicht morgens im Kreml, schaut auf eine Landkarte und sagt: „Ach guck mal, Polen.
Das nehmen wir morgen.“
Ein Angriff auf einen NATO-Staat könnte bedeuten, dass Russland es mit den USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Polen, Finnland und einem ganzen Haufen weiterer Länder zu tun bekommt. Und ein paar davon haben bekanntlich Atomwaffen herumliegen.
Das wäre nicht mutig. Das wäre ziemlich bescheuert.
Heißt das, dass es niemals passieren kann? Natürlich nicht. Menschen machen bescheuerte Dinge.
Regierungen übrigens auch. Die Geschichte ist voll davon. Irgendwer verschätzt sich, irgendwer glaubt, der andere würde nicht reagieren, irgendwo passiert ein Zwischenfall und plötzlich läuft etwas aus dem Ruder.
Aber das ist doch etwas völlig anderes als dieses Gefühl, das man inzwischen bekommt, wenn man jeden Tag Nachrichten liest. Da denkt man langsam wirklich, der Krieg steht schon im Kalender und wir kennen nur das Datum noch nicht.
Und vielleicht ist genau das der Punkt. Wir lesen seit Jahren immer dieselben Wörter: Krieg, Putin, Russland, Angriff, NATO, Eskalation, Aufrüstung, Bedrohung, kriegstüchtig. Immer und immer wieder.
Und irgendwann macht unser Kopf aus „könnte“ automatisch „wird“.
Das merke ich ja sogar bei uns zuhause. Wenn mein Freund sagt: „Es kommt Krieg“, sage ich meistens: „Ja ja, und morgen wird wieder das Bargeld abgeschafft und übermorgen kommt die neue Weltordnung.“ Aber wenn mein Sohn, der mit dem ganzen Verschwörungskram überhaupt nichts anfangen kann, plötzlich ebenfalls sagt, dass er langsam ein komisches Gefühl bekommt, dann finde ich das schon bemerkenswert.
Vielleicht ist die Lage tatsächlich gefährlicher geworden. Natürlich ist sie das. In der Ukraine herrscht Krieg, Russland ist kein besonders angenehmer Nachbar und Europa wäre ziemlich dämlich, wenn es einfach sagen würde: Wird schon nichts passieren.
Aber müssen wir deshalb jede Warnung gleich so verkaufen, als würde Putin schon den Motor vom Panzer warmlaufen lassen? Ich glaube nicht.
Und das Lustigste ist: Wenn man sich anschaut, was Finnlands Präsident selbst sagt, klingt das schon wieder wesentlich weniger nach Weltuntergang. Natürlich beobachten die Finnen Russland genau. Natürlich bereiten sie sich vor.
Aber gleichzeitig weist Alexander Stubb darauf hin, dass Russland momentan in der Ukraine genug zu tun hat und seine militärischen Möglichkeiten nicht unendlich sind.
Also fragte ich Nova noch einmal: „Muss ich jetzt Angst haben oder nicht?“ Und im Grunde lautet die Antwort: Nein, jedenfalls nicht so, als würde nächste Woche der Krieg mit der NATO beginnen.
Kann irgendwann etwas passieren? Ja. Soll Europa vorbereitet sein?
Natürlich. Sollten wir deshalb jeden Morgen beim Kaffee überlegen, ob wir noch schnell einen Bunker brauchen? Eher nicht.
Und genau das werde ich mir bei der nächsten Schlagzeile wieder sagen müssen. Denn die kommt garantiert. „General warnt vor Putin.“ „Geheimdienst sieht Kriegsgefahr.“ „Europa bleiben nur noch drei Jahre.“ „Russland könnte NATO angreifen.“ Und ich werde vermutlich wieder draufklicken.
Dann werde ich wieder Nova fragen: „Was ist denn JETZT schon wieder?“ Und Nova wird wieder suchen und mir erklären, dass irgendwo im Original eigentlich „könnte“, „möglicherweise“, „unter bestimmten Voraussetzungen“ oder „langfristig“ stand.
Vielleicht sollten Nachrichtenseiten einfach einen neuen Button einführen: „Hier klicken, um herauszufinden, wie schlimm es wirklich ist.“ Den würde ich benutzen. Bis dahin mache ich es eben selbst. Und meinen Keller räume ich auch nicht aus.
Nicht wegen Putin. Dafür steht da viel zu viel Zeug drin.
Quellen:
ZDFheute – Wie Finnland seine Sicherheit gegenüber Russland stärkt und vorbereitet bleibt: https://www.zdfheute.de/politik/ausland/finnland-bedrohung-russland-valtonen-ukraine-krieg-100.html
oe24 – Experte warnt: Europa bis 2040 im Krieg mit Russland (Analyse der finnischen Verteidigungsforschung): https://www.oe24.at/a/experte-warnt-europa-bis-2040-im-krieg-mit-russland-900110414