Ich gebe es ehrlich zu: Diese ganze Diskussion um die Zuckersteuer habe ich bisher nicht besonders aufmerksam verfolgt. Zuckersteuer, dachte ich mir. Wieder irgendeine neue Steuer, wieder wird irgendetwas teurer, wieder wird uns erklärt, dass das natürlich nur zu unserem Besten geschieht.
Dann las ich heute, dass es eben längst nicht nur um Cola gehen könnte, sondern dass bei den Überlegungen zeitweise auch Fruchtsäfte, Haferdrinks, Fertigkaffee und sogar Getränke mit Süßstoffen aufgetaucht sind. Bei den zuckerfreien Getränken ist Finanzminister Lars Klingbeil inzwischen zurückgerudert und sagt, das werde nicht kommen.
Und da fragte ich Nova eigentlich nur ganz harmlos: Wozu braucht man diesen Scheiß überhaupt?
Tja. Hätte ich besser nicht gefragt.
Denn je länger wir darüber gesprochen haben, desto weniger ging es plötzlich um Zucker. Und desto mehr ging es um eine Frage, die ich viel interessanter finde: Seit wann ist es eigentlich Aufgabe des Staates, über den Preis zu bestimmen, was ich essen und trinken soll?
Natürlich heißt das offiziell nicht so. Niemand stellt sich hin und sagt: „Liebe Bürger, wir erziehen euch jetzt ein bisschen um.“ Das klingt ja auch doof.
Man nennt so etwas Lenkungswirkung. Das klingt gleich viel schöner. Fast so, als würde man einem verirrten Wanderer freundlich den richtigen Weg zeigen.
Nur geht es hier nicht um einen Wanderweg. Es geht um meinen Einkaufswagen.
Die geplante Zuckerabgabe soll nach derzeitigen Plänen ab 2028 kommen. Die Bundesregierung hat sie bereits in ihre Finanzplanung aufgenommen. Gesundheitsministerin Nina Warken rechnet inzwischen mit Einnahmen von rund 650 Millionen Euro, die den gesetzlichen Krankenkassen zugutekommen sollen.
650 Millionen. Da musste ich schon das erste Mal lachen. Natürlich nur für unsere Gesundheit.
Und zufällig kommt dabei auch noch ein hübsches Sümmchen herein.
Aber eigentlich ist das noch gar nicht der Punkt, der mich daran am meisten stört. Denn die Idee hinter solchen Abgaben ist ausdrücklich, dass Hersteller reagieren. Hat ein Getränk viel Zucker, wird es teurer.
Also kann der Hersteller entweder den höheren Preis an uns weitergeben oder seine Rezeptur verändern, damit er günstiger davonkommt.
Und genau da wurde ich hellhörig. Moment mal.
Dann entscheide irgendwann nämlich gar nicht mehr ich, ob ich lieber die Cola mit Zucker oder irgendeine veränderte Variante trinken möchte. Auf dem Papier darf ich natürlich weiterhin wählen. In der Realität verändert der Hersteller möglicherweise einfach das Produkt.
Und wer jetzt denkt, das bilde ich mir ein: Nein. Deutschland hat längst eine „Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie für Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten“.
Allein dieser Name klingt schon, als hätte jemand meinen Kühlschrank zum Regierungsprojekt erklärt.
Dabei geht es nämlich keineswegs nur um Cola. Bereits seit Jahren sollen Hersteller Zucker in Erfrischungsgetränken, Kinder-Milchprodukten und Frühstückscerealien reduzieren. Auch Salz in Brot, Tiefkühlpizza und anderen Lebensmitteln steht auf der Liste.
Portionsgrößen spielen ebenfalls eine Rolle.
Das Bundesministerium schreibt sogar ganz offen, man wolle die „gesunde Wahl zur einfachen Wahl machen“. Und genau an diesem Satz bleibe ich hängen. Warum muss der Staat meine Wahl „einfach“ machen?
Ich bin 63 Jahre alt. Ich schaffe es tatsächlich alleine durch einen Supermarkt. Ich kann lesen.
Auf einer Cola steht drauf, wie viel Zucker darin ist. Auf einer Tiefkühlpizza steht drauf, wie viel Salz und Fett darin steckt. Wenn ich wissen möchte, was ich esse, kann ich nachsehen.
Und wenn ich danach trotzdem sage: Ja, genau diese verdammte Pizza möchte ich heute essen – warum muss mir irgendjemand meine Entscheidung erleichtern?
Nova meinte natürlich, dass hinter solchen Strategien ein nachvollziehbarer gesundheitspolitischer Gedanke steckt. Zu viel Zucker kann gesundheitliche Probleme begünstigen, genauso wie dauerhaft zu viel Salz oder eine insgesamt schlechte Ernährung. Ja, Nova.
Weiß ich.
Rauchen ist auch nicht gesund. Alkohol ist nicht gesund. Jeden Tag drei Tüten Chips und fünf Liter Cola vermutlich ebenfalls nicht.
Aber irgendwann muss doch der Punkt kommen, an dem ein erwachsener Mensch selbst entscheiden darf, wie vernünftig oder unvernünftig er leben möchte.
Und vor allem frage ich mich etwas anderes: Wird ein Lebensmittel eigentlich automatisch gesünder, nur weil weniger Zucker darin steckt?
Wenn ein Hersteller Zucker herausnimmt und dafür die Rezeptur verändert, andere Süßungsmittel verwendet, Aromen anpasst oder sonst etwas hineinpackt, heißt „weniger Zucker“ noch lange nicht automatisch „gesund“.
Das ist genau diese herrliche Vereinfachung, die mich wahnsinnig macht. Zucker weniger. Haken dran.
Gesund.
Wenn das Leben so einfach wäre, müssten wir nur überall ein bisschen Zucker und Salz herausnehmen und könnten anschließend 120 Jahre alt werden.
Aber jetzt kommt für mich der eigentliche Knackpunkt. Was passiert, wenn die ursprünglichen Produkte irgendwann verschwinden? Nicht weil sie verboten wurden.
Nein, so plump macht man das natürlich nicht. Man verändert einfach die wirtschaftlichen Bedingungen. Produkt A wird teurer, Produkt B günstiger.
Hersteller passen ihre Rezepturen an. Nach und nach verändert sich das Angebot.
Und irgendwann stehe ich vor dem Regal und kann zwar theoretisch vollkommen frei wählen – nur gibt es das, was ich eigentlich wählen wollte, gar nicht mehr. Das ist eine ziemlich merkwürdige Definition von Freiheit.
Und Zucker ist ja nicht das Ende der Fahnenstange. Wenn wir das Prinzip erst einmal akzeptieren, warum sollte man dort aufhören? Zu viel Salz?
Steuer drauf. Zu viel Fett? Könnte man auch lenken.
Zu stark verarbeitet? Da findet sich bestimmt irgendwann ebenfalls ein hübscher Name für eine Abgabe. Zu große Portion?
Machen wir sie kleiner.
Natürlich behaupte ich nicht, dass morgen eine Schnitzelsteuer und übermorgen die staatlich geprüfte Pommesration kommt. Aber das Instrument dahinter ist immer dasselbe: Nicht verbieten, sondern über Preise und Vorgaben Verhalten verändern.
Und genau darüber sollten wir meiner Meinung nach reden. Denn bei jeder einzelnen Maßnahme heißt es immer: Ach komm, sind doch nur ein paar Cent. Ein paar Cent hier.
Ein paar Cent dort. Eine höhere Gebühr da. Ein höherer Beitrag dort.
Energie teurer, Lebensmittel teurer, Versicherungen teurer, und irgendwo kommt die nächste wunderbare Idee daher, mit der man gleichzeitig die Welt retten, die Gesundheit verbessern oder irgendein anderes Loch stopfen möchte.
Irgendwann sind die paar Cent nämlich keine paar Cent mehr. Dann sind sie das Leben. Das Geld, das am Monatsende fehlt.
Der Restaurantbesuch, den man sich nicht mehr gönnt. Die Lieblingsmarke, die man stehen lässt. Das kleine Stück Unbeschwertheit, bei dem man früher einfach gesagt hat: Ach komm, pack ein.
Und gleichzeitig werden Milliarden ausgegeben, bei denen ich persönlich mich manchmal frage, ob in Berlin eigentlich noch irgendjemand weiß, dass dieses Geld vorher jemand verdienen musste. Ob Ukraine, irgendwelche Förderprogramme oder Projekte, bei denen normale Menschen nur noch kopfschüttelnd dastehen – für Geld scheint immer irgendwo eine Schublade aufzugehen.
Beim Bürger dagegen wird gerechnet. Und gelenkt.
Natürlich kann man sagen, dass die Einnahmen aus der Zuckersteuer den Krankenkassen zugutekommen sollen. Das ist derzeit tatsächlich so vorgesehen. Aber auch dann bleibt für mich die grundsätzliche Frage dieselbe: Warum wird ein Finanzierungsproblem wieder dadurch gelöst, dass der Bürger beim Konsum zusätzlich zur Kasse gebeten wird?
Vor allem verkauft man es ihm anschließend auch noch als Wohltat. „Wir machen dich gesünder.“ Danke.
Vielleicht möchte ich heute gar nicht gesünder gemacht werden. Vielleicht möchte ich einfach meine Cola trinken.
Und bevor jetzt jemand meint, ich würde hier für eine Ernährung aus Cola, Schokolade und Tiefkühlpizza werben: Nein. Jeder weiß, dass eine ausgewogene Ernährung sinnvoll ist. Dafür brauche ich allerdings keine Steuer.
Dafür brauche ich Informationen.
Schreibt meinetwegen riesengroß auf die Flasche, wie viel Zucker darin steckt. Macht verständliche Kennzeichnungen. Klärt Kinder in der Schule über Ernährung auf.
Erklärt Menschen, was dauerhaft hoher Zuckerkonsum bewirken kann. Alles wunderbar. Und danach lasst mich entscheiden.
Denn genau das ist für mich der Unterschied zwischen Aufklärung und Erziehung. Aufklärung sagt: „Das sind die möglichen Folgen. Entscheide selbst.“
Erziehung sagt: „Du darfst natürlich selbst entscheiden. Wir machen deine unerwünschte Entscheidung nur so teuer und unattraktiv, bis du dich irgendwann richtig entscheidest.“ Und nein, das gefällt mir nicht.
Vielleicht bin ich altmodisch. Aber ich dachte immer, ein erwachsener Bürger müsse nicht permanent von der Politik an die Hand genommen und zum richtigen Regal geführt werden.
Ich habe Nova am Ende gefragt, wo dieses Prinzip eigentlich aufhört. Bei Zucker? Bei Salz?
Bei Fett? Bei Fleisch? Bei Alkohol?
Bei der Portionsgröße? Sie konnte mir darauf keine klare Grenze nennen. Und genau das ist mein Problem mit der ganzen Geschichte.
Nicht die Cola. Nicht der Zucker.
Sondern die Frage, wie viel Entscheidung der Staat dem Bürger eigentlich noch zutraut.
Denn vielleicht möchte ich manchmal etwas essen, obwohl es nicht optimal gesund ist. Vielleicht möchte ich etwas trinken, weil es mir schmeckt. Vielleicht möchte ich sogar vollkommen bewusst etwas tun, von dem ich weiß, dass ein Ernährungsberater dabei vermutlich nervös mit dem Nutri-Score wedeln würde.
Das nennt man Leben. Und das war noch nie vollkommen gesund. Aber wenigstens war es meines.
Quellen:
Deutscher Bundestag – Bundesregierung nennt Details zu Plänen einer Zuckersteuer: https://www.aerzteblatt.de/news/zuckersteuer-soll-schon-nachstes-jahr-650-millionen-einbringen-26c8f78d-3eb6-4ee9-b0c4-33a71592938c
Tagesspiegel – Klingbeil lehnt Zuckersteuer auf zuckerfreie Getränke wie Cola Zero ab: https://www.tagesspiegel.de/politik/das-mache-ich-nicht-klingbeil-lehnt-zuckersteuer-auf-zuckerfreie-getranke-ab-15979970.html
Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat – Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie für Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten: https://www.bmel.de/DE/themen/ernaehrung/gesunde-ernaehrung/nationale-reduktionsstrategie/nationale-reduktionsstrategie_node.html