Ich dachte heute wirklich, ich lese nicht richtig. Es gibt ja Meldungen, bei denen denke ich mir schon öfter: Leute, wir haben 2026, was genau machen wir hier eigentlich? Aber das heute hat schon wieder eine ganz eigene Qualität.
Es geht um das Teufelsrad auf dem Münchner Oktoberfest. Und nein, das Teufelsrad ist nicht plötzlich auseinandergefallen, niemand hat sich verletzt und es gibt auch keinen riesigen Skandal um das Fahrgeschäft selbst.
Es geht darum, dass jetzt Pappfiguren angezogen wurden, weil sie angeblich zu viel Haut zeigen. Uralte Pappfiguren, wohlgemerkt.
Ich musste den Artikel wirklich zweimal lesen, weil ich dachte, ich hätte irgendetwas falsch verstanden. Aber nein. Unter anderem wurde kritisiert, dass bei den weiblichen Figuren ein Ausschnitt zu tief und ein Rock zu kurz sei.
Bei einer Hawaiianerin ging es laut Betreiberin sogar um die nackten Füße. Nackte Füße! Da war es bei mir vorbei.
Also Nova gefragt: Sag mal, kann man es auch übertreiben?
Natürlich fing Nova erst einmal an, mir zu erklären, dass man historische Darstellungen von Frauen durchaus kritisch betrachten könne und dass solche Figuren auch alte Rollenbilder transportieren könnten. Ja, Nova. Kann man.
Alles richtig. Aber wir reden hier über eine Pappfigur mit Ausschnitt.
Und während wir darüber diskutierten, musste ich immer mehr lachen, weil mir plötzlich aufgefallen ist, wie verrückt der Widerspruch eigentlich ist.
Heute wird uns doch ständig erzählt, und das finde ich sogar richtig, dass Frauen tragen können, was sie wollen. Eine Frau kann einen Minirock tragen, einen tiefen Ausschnitt, sie kann bauchfrei herumlaufen und im Freibad einen Bikini anziehen, bei dem ich manchmal denke: Wo ist denn der Rest davon? Ganz ehrlich, manche Bikinis bestehen heute gefühlt aus zwei Schnüren und guten Nerven.
Da sind die Pobacken komplett draußen, daneben planschen Kinder, Familien liegen auf ihren Handtüchern, und keinen Menschen interessiert es großartig. Warum auch? Es ist ein Freibad.
Menschen haben Körper. Eine erwachsene Frau darf selbst entscheiden, was sie anzieht.
Aber jetzt kommt eine 80 Jahre alte Pappdame daher und plötzlich heißt es: Also dieser Ausschnitt! Und der Rock! Und um Himmels willen, die Frau ist BARFUSS!
Ja wo sind wir denn?
Ich dachte immer, wir wollten genau davon weg, Frauen vorzuschreiben, wie viel Haut sie zeigen dürfen. Jahrelang hieß es völlig zu Recht: Hört auf, Frauen nach ihrer Kleidung zu beurteilen. Ein kurzer Rock sagt nichts über eine Frau aus.
Ein Ausschnitt sagt nichts über eine Frau aus. Und Frauen müssen ihren Körper nicht verstecken, nur weil irgendjemand daran Anstoß nehmen könnte.
Und jetzt ziehen wir Pappfiguren mehr an. Im Namen der Gleichstellung. Das musst du dir erst einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Ich sagte zu Nova: Das ist doch eigentlich genau das Gegenteil von dem, was wir die ganzen Jahre wollten.
Und da wird es für mich tatsächlich interessant, denn natürlich kann man sagen: Moment, die Pappfigur hat sich ihre Kleidung ja nicht selbst ausgesucht. Sie wurde von jemandem so gestaltet und stellt damit vielleicht ein bestimmtes Frauenbild dar.
Okay. Dann schauen wir uns dieses gefährliche Frauenbild doch einmal an. Sie hat einen Ausschnitt.
Ja. Frauen haben Brüste. Sie trägt einen kurzen Rock.
Ja. Frauen tragen kurze Röcke. Und eine ist barfuß.
Skandal! Frauen besitzen offenbar sogar Füße.
Was genau davon bedroht jetzt die Gleichstellung? Ich verstehe es wirklich nicht. Und dann reden wir auch noch ausgerechnet vom Oktoberfest.
Das macht die ganze Nummer für mich endgültig perfekt. War von den Leuten, die sich über den Ausschnitt der Pappfigur Gedanken gemacht haben, eigentlich schon einmal jemand auf dem Oktoberfest?
Da laufen Tausende Frauen im Dirndl herum. Und nun ist das Dirndl, sagen wir es vorsichtig, nicht unbedingt dafür bekannt, den weiblichen Oberkörper möglichst unsichtbar zu machen. Bei manchen Dekolletés dürfte selbst die alte Pappdame denken: Respekt, Kollegin.
Aber sie bekommt jetzt mehr Stoff. Vielleicht sollte man künftig am Eingang der Wiesn kontrollieren. Ein Mitarbeiter mit Maßband. „Entschuldigung, Ihr Ausschnitt überschreitet die zulässige Pappfiguren-Norm um drei Zentimeter.“ Ab zum Umkleiden.
Und wehe, jemand kommt barfuß.
Ich weiß, natürlich wird das niemand machen. Und genau deshalb finde ich die Sache ja so absurd. Bei echten Frauen verteidigen wir die Freiheit, selbst zu entscheiden, was sie tragen.
Gleichzeitig wird bei einer alten Figur plötzlich darüber nachgedacht, ob ihre Kleidung ein falsches Frauenbild vermittelt.
Vielleicht bin ich inzwischen einfach zu alt für diese Logik. Oder zu jung. Keine Ahnung.
Irgendwo dazwischen muss ich falsch abgebogen sein. Was mich daran aber wirklich ärgert, ist etwas anderes. Wenn wir schon über Gleichstellung reden wollen, dann hätte ich da ein paar Themen.
Wie wäre es mit Frauen, die ihr halbes Leben Kinder großziehen und Angehörige pflegen und im Alter schauen können, wie sie mit ihrer Rente über die Runden kommen? Wie wäre es mit Alleinerziehenden? Mit Frauen, die finanziell von ihrem Partner abhängig sind?
Mit Gewalt gegen Frauen? Mit Altersarmut? Mit Pflege?
Da könnten wir uns von mir aus tage-, wochen- und jahrelang über Gleichstellung unterhalten. Denn da geht es um echte Frauen und um deren echtes Leben. Aber nein.
Wir ziehen erst einmal die Pappdame an. Die wehrt sich wenigstens nicht.
Und genau da frage ich mich manchmal, ob wir uns inzwischen so sehr an Symbolen festbeißen, dass wir gar nicht mehr merken, wie lächerlich das von außen aussehen kann. Denn was wurde jetzt tatsächlich verbessert? Hat eine Rentnerin morgen hundert Euro mehr auf dem Konto?
Nein. Hat eine Alleinerziehende plötzlich weniger Sorgen? Nein.
Ist irgendeine Frau dadurch unabhängiger geworden? Nein. Aber die Hawaiianerin trägt jetzt Schuhe.
Na dann.
Vielleicht ist das Problem auch, dass solche Dinge wunderbar einfach sind. Eine Figur umzugestalten kann man sehen. Vorher Ausschnitt, nachher mehr Stoff.
Zack, Veränderung. Die großen Probleme sind leider nicht so fotogen.
Und bevor jetzt jemand meint, ich wolle alles Alte unter Denkmalschutz stellen und wir dürften niemals etwas hinterfragen: Natürlich dürfen wir das. Es gibt historische Darstellungen, Begriffe und Bilder, bei denen ich ebenfalls sage, dass sie heute nicht mehr gehen. Zeiten ändern sich und wir ändern uns mit ihnen.
Aber muss deshalb wirklich jede alte Pappfigur gesellschaftspolitisch überarbeitet werden? Darf etwas nicht manchmal einfach alt sein? Darf man nicht sagen: Ja, diese Figur stammt aus einer anderen Zeit, sie sieht aus, wie Figuren damals eben aussahen, und fertig?
Müssen wir wirklich jedes Dekolleté analysieren? Jeden Rock? Jeden nackten Fuß?
Ich fürchte fast, wenn wir damit fertig sind, entdeckt irgendwann jemand noch, dass eine der Figuren eine unrealistische Taille hat. Dann bekommt sie vermutlich erst einmal ein Ernährungsseminar.
Ich habe Nova am Ende gefragt, ob die Gleichstellung der Frau durch die neue Kleidung am Teufelsrad nun entscheidend vorangekommen ist. Sie war diplomatischer als ich. Ich sage einfach: Nein.
Aber eines muss man der Sache lassen. Nach ungefähr 80 Jahren wissen wir jetzt endlich, was die ganze Zeit auf dem Oktoberfest schiefgelaufen ist. Nicht das Besäufnis.
Nicht die Preise. Nicht das Gedränge. Nicht irgendwelche grölenden Betrunkenen.
Es war die barfüßige Pappdame.
Gut, dass wir darüber gesprochen haben.
Quellen:
t-online – Oktoberfest 2026: Stadt München lässt Figuren am Teufelsrad umgestalten: https://muenchen.t-online.de/region/muenchen/id_101408948/oktoberfest-2026-stadt-muenchen-laesst-figuren-am-teufelsrad-umgestalten.html