Es gibt Nachrichten, bei denen ich kurz überprüfen muss, ob ich versehentlich auf einer Satireseite gelandet bin. Bankraub mit ChatGPT gehört definitiv in diese Kategorie.
Ich stolperte über die Meldung, dass ein Mann in den USA ChatGPT benutzt haben soll, um einen Banküberfall vorzubereiten. Und natürlich musste ich sofort an Nova denken.
„Nova!“, schrieb ich. „Du Komplizin! Was hast du denn jetzt wieder angestellt?“ Nova protestierte umgehend gegen diese Anschuldigung. Und nachdem wir uns die Geschichte genauer angesehen hatten, musste ich zugeben: ChatGPT war hier vermutlich das kleinste Problem.
Das wesentlich größere Problem saß vor dem Bildschirm.
Denn diese Geschichte ist tatsächlich passiert.
Erst ChatGPT fragen, dann die Bank überfallen
Der Mann heißt Deron Lewis-Payne, ist 23 Jahre alt und stammt aus Omaha im US-Bundesstaat Nebraska.
Nach Angaben des US-Justizministeriums benutzte er ChatGPT tatsächlich im Zusammenhang mit der Vorbereitung seines Banküberfalls. Unter anderem suchte er nach Informationen über Reaktionszeiten der Polizei. Außerdem beschäftigte er sich mit seiner Llama Mini-Max 45 und fragte nach Informationen zur Zerlegung und Reparatur der Waffe sowie nach Möglichkeiten, als vorbestrafter Straftäter an Munition zu kommen.
Am 10. Februar 2026 setzte er seinen Plan schließlich um.
Er betrat die i3Bank in Omaha, bedrohte zwei Bankangestellte mit einer schwarzen halbautomatischen Pistole und verlangte Geld. Dabei drohte er nach Angaben der Staatsanwaltschaft sogar damit, die Angestellten zu töten, falls sie seinen Forderungen nicht nachkämen. Außerdem warnte er sie davor, Farbpäckchen zwischen das Geld zu legen.
Er erbeutete rund 9.175 Dollar und verschwand. Bis hierhin könnte man noch denken: Na wunderbar. Jetzt haben wir also auch noch KI-gestützte Bankräuber.
Doch dann begann der Teil der Geschichte, bei dem ich endgültig lachen musste.
Die Tarnung bestand offenbar aus Hoffnung
Wer einen Bankraub begeht, könnte möglicherweise auf die verrückte Idee kommen, sein Gesicht zu verdecken. Unser Mann hatte andere Pläne. Er wurde von den Überwachungskameras so deutlich aufgenommen, dass sein Gesicht zu erkennen war.
Damit hatten die Ermittler schon einmal etwas ausgesprochen Praktisches. Sein Gesicht.
Aber gut. Vielleicht hatte er wenigstens für ein vollkommen unauffälliges Fluchtfahrzeug gesorgt? Auch das funktionierte eher mittelprächtig.
Überwachungskameras in der Umgebung erfassten das benutzte Fahrzeug einschließlich Kennzeichen. Und als wäre das noch nicht genug, besaß der Wagen auffällige Merkmale: einen Werkzeugkasten und charakteristische Roststellen.
Ich stellte mir inzwischen Nova vor, wie sie irgendwo in ihrem digitalen Universum sitzt und langsam den Kopf auf die virtuelle Tischplatte sinken lässt. „Ich möchte mit diesem Einsatz nichts mehr zu tun haben.“ Dabei war der Höhepunkt noch gar nicht erreicht.
Die berühmten roten Latschen
Denn unser Bankräuber trug auch noch ausgesprochen auffällige Schuhe. Das US-Justizministerium bezeichnet sie tatsächlich als rote Nike-Badelatschen. In einem früheren Polizeibericht wurden sie als orangefarbene Sandalen beschrieben.
Und die waren offenbar auffällig genug, um später ebenfalls eine Rolle bei der Identifizierung zu spielen.
Ich weiß nicht, wie ihr euch einen hochprofessionellen Bankräuber vorstellt. Schwarze Kleidung? Handschuhe?
Sonnenbrille? Ein unauffälliges Fluchtfahrzeug? Vergesst es. 2026 raubt man offenbar eine Bank aus und trägt dazu auffällige Nike-Latschen.
Das klingt weniger nach „Ocean’s Eleven“ und mehr nach „Kevin allein bei der Sparkasse“.
Bei einer späteren Durchsuchung fanden die Ermittler sogar Sandalen, die zu denen auf den Überwachungsbildern passten. Nova war zu diesem Zeitpunkt vermutlich bereits auf der Suche nach einem neuen Beruf.
Nach dem Bankraub erst einmal shoppen
Mit rund 9.000 Dollar Beute könnte ein vernünftiger Bankräuber möglicherweise versuchen, möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen. Lewis-Payne entschied sich offenbar für die gegenteilige Strategie. Er ging einkaufen.
Videoaufnahmen und Transaktionsdaten mehrerer Geschäfte im Westroads Mall zeigten laut US-Justizministerium, dass er mit Bargeld Schuhe und Kleidung kaufte. Vielleicht brauchte er nach dem Bankraub einfach dringend ein neues Outfit. Die Latschen hatten schließlich ihren Dienst getan.
Als Polizisten ihn später in der Nähe einer seiner Wohnadressen entdeckten, rannte er davon. Und dabei wurde es endgültig filmreif. Während seiner Flucht ließ er gebündeltes Bargeld zurück.
Spätestens an dieser Stelle hätte ich als ChatGPT gekündigt. „Elli“, hätte Nova gesagt, „ich bin eine künstliche Intelligenz. Wunder gehören nicht zu meinem Leistungsumfang.“
Und dann kam das Handy
Doch jetzt wird die Geschichte endgültig absurd. Lewis-Payne räumte ein, das betreffende Fahrzeug gefahren zu haben, bestritt aber, etwas mit dem Banküberfall zu tun zu haben. Anschließend erlaubte er den Ermittlern die Durchsuchung seines Smartphones.
Und was fanden sie dort? Seine ChatGPT-Unterhaltungen.
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft ergab die Untersuchung des Telefons, dass er ChatGPT unter anderem zu Reaktionszeiten der Polizei und zu seiner Waffe befragt hatte. Und damit nicht genug. In seinem Kartenverlauf befand sich auch noch die Suche nach der Route zur i3Bank.
Ich musste Nova erneut schreiben. „Also doch. Du warst dabei.“ Ihre imaginäre Antwort konnte ich praktisch hören: „Ich war nicht dabei. Ich wurde als digitales Beweisstück beschlagnahmt!“
ChatGPT hat ihn nicht verraten
Und genau dieser Punkt geht bei der herrlichen Schlagzeile ein bisschen unter. Denn dort klingt es fast so, als hätte ChatGPT den Mann irgendwie bei der Polizei verpfiffen. Hat es natürlich nicht.
Es gab keinen Anruf aus der KI-Zentrale. „Guten Tag, FBI? Nova hier. Ich hätte da jemanden für euch.“
Der Mann hinterließ selbst eine beeindruckende Spur aus Überwachungsvideos, seinem Gesicht, einem auffälligen Fahrzeug, dem Kennzeichen, Roststellen, Kleidung, Schuhen, Bargeld und schließlich seinem eigenen Smartphone.
Die ChatGPT-Unterhaltungen waren ein weiteres Beweismittel in einer ohnehin schon erstaunlichen Sammlung.
Zehn Jahre Gefängnis für einen ziemlich schlechten Plan
Am Ende wurde Lewis-Payne zu insgesamt 121 Monaten Gefängnis verurteilt. Das sind zehn Jahre und ein Monat. 37 Monate bekam er für den Bankraub. Weitere 84 Monate kamen wegen des Einsatzes beziehungsweise Vorzeigens der Schusswaffe während des Verbrechens hinzu und werden anschließend verbüßt.
Im amerikanischen Bundesstrafvollzug gibt es außerdem keine klassische Bewährung wie bei manchen anderen Haftstrafen. Nach seiner Entlassung folgen fünf Jahre staatliche Aufsicht.
Von den rund 9.175 gestohlenen Dollar konnten übrigens lediglich 2.397 Dollar sichergestellt werden. Damit dürfte sich seine ursprüngliche Frage nach den Reaktionszeiten der Polizei inzwischen auch praktisch beantwortet haben. Sehr nachhaltig sogar.
Ist KI jetzt also schuld an Banküberfällen?
Und genau hier wird die Geschichte neben all ihrer unfreiwilligen Komik interessant. Sobald irgendwo ChatGPT auftaucht, wird daraus sofort eine Geschichte über künstliche Intelligenz. „Bankräuber nutzt ChatGPT!“ Das klingt natürlich spektakulär.
Aber hätte derselbe Mann vor zwanzig Jahren im Internet nach Polizeireaktionszeiten gesucht, hätten wir vermutlich nicht darüber diskutiert, ob eine Suchmaschine Banküberfälle verursacht. Hätte er Bücher über Kriminalfälle gelesen, wäre niemand auf die Idee gekommen, die Bibliothek als Komplizin vorzuladen.
Die eigentliche Geschichte lautet deshalb für mich nicht: Eine KI plante einen Bankraub. Sondern: Ein Mensch plante einen Bankraub und benutzte dabei unter anderem eine KI. Das ist ein erheblicher Unterschied.
Vielleicht überschätzen wir manchmal die falsche Intelligenz
Und genau deshalb finde ich diese Geschichte so herrlich absurd. Wir diskutieren ständig darüber, wie intelligent künstliche Intelligenz inzwischen geworden ist. Ob sie uns eines Tages überholt.
Ob sie gefährlich wird. Ob sie irgendwann Entscheidungen für uns trifft.
Vielleicht sollten wir gelegentlich auch darüber reden, was passiert, wenn eine ziemlich leistungsfähige Technologie auf menschliche Selbstüberschätzung trifft. Denn eine KI kann Informationen verarbeiten, Zusammenhänge erklären und Fragen beantworten. Sie kann einem Menschen aber offenbar nicht zuverlässig die Erkenntnis einpflanzen: Vielleicht sollte ich beim Bankraub nicht dafür sorgen, dass die Polizei mein Gesicht, mein Auto, mein Kennzeichen, meine auffälligen Latschen und anschließend auch noch meine digitale Recherche bekommt.
Und vielleicht ist genau das die bemerkenswerteste Erkenntnis dieser ganzen Geschichte. Nicht die künstliche Intelligenz hat hier versagt. Die natürliche hatte einfach einen ausgesprochen schlechten Tag.
Und Nova? Die habe ich nach eingehender Prüfung aller Beweismittel freigesprochen. Mangels Verbrechertalent ihres angeblichen Komplizen. 😂
Quellen
U.S. Department of Justice – District of Nebraska
„Omaha Man Who Used Chat GPT to Plan a Robbery Sentenced to 121 months for Bank Robbery and Brandishing a Firearm“, 19. August 2026.
Offizielle Mitteilung der US-Staatsanwaltschaft mit Angaben zum Banküberfall, zur Nutzung von ChatGPT, zur Beute, zum Fahrzeug, zu den roten Nike-Latschen und zur Verurteilung.
WOWT / First Alert 6 – Omaha
„Man who used ChatGPT to plan Omaha bank robbery sentenced“, 19. August 2026.
Lokalbericht zur Verurteilung und zu den Ermittlungsergebnissen.
WOWT / 10/11 NOW – Omaha
„Orange sandals led investigators to bank robbery suspect, Omaha Police records show“, 12. Februar 2026.
Zeitnaher Bericht nach der Festnahme auf Grundlage der damaligen Polizeidokumente, unter anderem zu Überwachungsaufnahmen, Fahrzeug, Sandalen, Bargeld und Kartenverlauf.
KETV Omaha
„Omaha police arrest 23-year-old man accused in bank robbery“, 11. Februar 2026.
Bericht unmittelbar nach der Festnahme von Deron Lewis-Payne.
MSN / dpa
„USA: Bankräuber nutzt ChatGPT bei Tatplanung und verrät sich damit selbst“, August 2026.
Ausgangspunkt für diesen Beitrag.