BLOGGER

Ich schreibe über die Themen, die mich faszinieren und nicht mehr loslassen: Wissenschaft, künstliche Intelligenz, Politik, Raumfahrt und die Zukunft. Oft im Gespräch mit Nova, meiner KI, mit der ich Dinge durchdenke, hinterfrage und manchmal auch streite. Mind Mosaik ist mein persönlicher Ort zum Nachdenken – ein Blog voller Ideen, Fragen und neuer Perspektiven. Denn jeder Gedanke ist ein Stein. Zusammen ergeben sie ein Mosaik.

  • Start
  • /
  • Gesellschaft
  • /
  • Jeder Zehnte ohne Job oder Ausbildung – vielleicht stellen die Jungen einfach die richtige Frage
Jeder Zehnte ohne Job oder Ausbildung – vielleicht stellen die Jungen einfach die richtige Frage

Gesellschaft

Jeder Zehnte ohne Job oder Ausbildung – vielleicht stellen die Jungen einfach die richtige Frage

Von Elli 10 Min. Lesezeit · 19 Mal gelesen

Deutschland diskutiert über junge Menschen ohne Job oder Ausbildung, während Friedrich Merz gleichzeitig mehr Arbeit fordert. Aber vielleicht liegt das eigentliche Problem ganz woanders – und die Antwort könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen sein.

Eine Schlagzeile auf MSN, bei der ich hängen blieb

Ich war mal wieder auf MSN bei den Nachrichten unterwegs, als mir eine Schlagzeile ins Auge sprang: „Deutschland: Jeder zehnte junge Erwachsene ist ohne Job oder Ausbildung.“ Natürlich blieb ich daran hängen. Zehn Prozent? Während gleichzeitig seit Jahren vom Fachkräftemangel gesprochen wird und Unternehmen angeblich verzweifelt nach Mitarbeitern suchen?

Also fragte ich Nova, was eigentlich hinter dieser Zahl steckt. Und wie so oft führte eine scheinbar einfache Meldung ziemlich schnell zu einer viel größeren Frage. Denn zunächst einmal bedeutet „ohne Job oder Ausbildung“ keineswegs automatisch, dass dort eine ganze Generation auf dem Sofa sitzt und beschlossen hat, nie wieder einen Finger krummzumachen.

Bei den sogenannten NEETs handelt es sich um junge Menschen, die weder arbeiten noch eine Schule, Ausbildung, ein Studium oder eine Weiterbildung absolvieren. Bei den 20- bis 24-Jährigen betrifft das in Deutschland inzwischen ungefähr jeden Zehnten. Darunter befinden sich allerdings Arbeitssuchende ebenso wie Menschen, die aus familiären oder gesundheitlichen Gründen momentan nicht zur Verfügung stehen oder kurz vor dem Einstieg in Arbeit oder Bildung stehen.

Meine erste Vermutung, vor den Jobcentern könnte bereits die Generation Z mit Transparenten stehen, auf denen „Merz, mach deinen Laden alleine“ steht, musste ich also erst einmal wieder einpacken. Schade eigentlich. Das Bild hätte mir gefallen.

Aber vielleicht steckt trotzdem etwas dahinter

Denn unabhängig von dieser Statistik gibt es eine andere Entwicklung, die ich wesentlich interessanter finde. Seit einiger Zeit wird wieder verstärkt darüber gesprochen, dass die Menschen in Deutschland mehr arbeiten müssten. Bundeskanzler Friedrich Merz fordert mehr Arbeitsstunden, mehr Vollzeitbeschäftigung und längeres Arbeiten.

Volkswirtschaftlich lässt sich die Argumentation durchaus nachvollziehen. Deutschland altert, Fachkräfte fehlen, Renten und Sozialversicherungen müssen finanziert werden und natürlich soll die Wirtschaft weiter wachsen.

Trotzdem stellte ich Nova irgendwann eine ziemlich einfache Frage: Wozu eigentlich?

Damit meine ich nicht, warum Deutschland Wirtschaftswachstum braucht oder weshalb ein Staat Steuereinnahmen benötigt. Mich interessiert die Perspektive des einzelnen Menschen. Warum soll ein Mensch immer größere Teile seiner begrenzten Lebenszeit verkaufen, nur damit am Ende irgendeine volkswirtschaftliche Kennzahl besser aussieht?

Arbeit gehört zum Leben, aber Arbeit ist nicht das Leben. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass genau dieser Unterschied in der politischen Diskussion vollkommen verloren gegangen ist.

Lebenszeit kann man nicht zurückverdienen

Geld kann ich verlieren und wieder verdienen. Ein kaputtes Auto kann ich ersetzen und selbst ein verlorenes Haus könnte theoretisch irgendwann durch ein anderes ersetzt werden. Bei Lebenszeit funktioniert das nicht.

Eine Stunde, die vorbei ist, ist weg. Sie kommt nicht zurück, egal wie hoch mein Kontostand irgendwann einmal sein wird.

Wenn jemand täglich acht Stunden arbeitet, kommt schließlich noch einiges dazu. Der Weg zur Arbeit, die Vorbereitung am Morgen, vielleicht die Mittagspause, in der man ebenfalls nicht wirklich frei über seine Zeit verfügen kann, und am Abend die Erschöpfung. Damit besteht ein erheblicher Teil eines normalen Wochentages aus Erwerbsarbeit oder Dingen, die unmittelbar damit zusammenhängen.

Deshalb finde ich es überhaupt nicht absurd, wenn gerade jüngere Menschen anfangen zu fragen, ob sie das wirklich wollen. Vielleicht möchte jemand lieber 30 Stunden arbeiten und dafür weniger besitzen. Vielleicht braucht er nicht alle drei Jahre ein neues Auto.

Vielleicht möchte eine Mutter oder ein Vater mehr Zeit mit den Kindern verbringen. Vielleicht möchte jemand schreiben, Musik machen, einen Garten anlegen, reisen, Tiere versorgen oder einfach an einem schönen Nachmittag mit einer Tasse Kaffee auf der Terrasse sitzen.

All diese Dinge erhöhen das Bruttoinlandsprodukt kaum oder gar nicht. Trotzdem können sie ein verdammt gutes Leben ergeben.

Haben wir vielleicht gar keine Arbeitskrise?

Nova brachte während unseres Gesprächs einen Gedanken auf, bei dem ich hängen blieb. Vielleicht erleben wir gar nicht nur eine Arbeitskrise, sondern zunehmend eine Sinnkrise der Erwerbsarbeit.

Jahrzehntelang funktionierte unser gesellschaftliches Versprechen ungefähr so: Arbeite hart, verdiene Geld, steige beruflich auf, kauf dir etwas und irgendwann hast du es geschafft. Dieses Versprechen klingt für viele junge Menschen heute längst nicht mehr so überzeugend wie früher. Wohnraum ist teuer, Wohneigentum für viele kaum erreichbar und gleichzeitig erleben sie Menschen, die ihr gesamtes Erwachsenenleben gearbeitet haben und im Alter trotzdem jeden Euro umdrehen müssen.

Und in genau diese Situation hinein lautet die politische Botschaft nun, die Menschen müssten wieder mehr arbeiten. Wenn ich heute Anfang zwanzig wäre, würde ich vermutlich ebenfalls fragen, was ich eigentlich davon habe, außer weniger Zeit für mein eigenes Leben.

Vielleicht ist das nicht Faulheit. Vielleicht ist es eine ziemlich rationale Rechnung.

Genau deshalb bin ich für ein Grundeinkommen

An diesem Punkt landeten Nova und ich bei einem Thema, das mich schon lange beschäftigt: dem bedingungslosen Grundeinkommen. Und zwar nicht deshalb, weil ich möchte, dass niemand mehr arbeitet. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass ein echtes Grundeinkommen Arbeit auf eine merkwürdige Art wieder attraktiver machen könnte.

Heute lautet die Grundregel unseres Systems letztlich: Du musst irgendeine Form von Einkommen erzielen, damit deine Existenz gesichert ist. Natürlich gibt es Sozialleistungen, aber auch diese sind an Bedingungen, Prüfungen und Vorschriften geknüpft. Mit einem wirklichen Grundeinkommen würde sich die Ausgangslage verändern.

Dann müsste niemand mehr arbeiten, um überhaupt existieren zu dürfen. Arbeit wäre vielmehr die Möglichkeit, das eigene Leben über diese Grundsicherung hinaus zu verbessern.

Psychologisch ist das ein gewaltiger Unterschied. Es ist der Unterschied zwischen „Ich muss“ und „Ich will“.

Was passiert, wenn ein Arbeitnehmer wirklich Nein sagen kann?

Stellen wir uns vor, jeder Mensch hätte ein Grundeinkommen, das ein einfaches Leben ermöglicht. Keine Villa, keinen Porsche und keine drei Urlaube auf den Malediven, sondern eine gesicherte Grundexistenz mit Wohnung, Essen, Strom und den normalen Dingen des täglichen Lebens.

Dieser Mensch geht nun zu einem Arbeitgeber und bekommt einen schlecht bezahlten, körperlich anstrengenden Job angeboten. Heute hängt an seiner Entscheidung möglicherweise die nächste Miete. Mit einem Grundeinkommen könnte er tatsächlich sagen: „Für dieses Geld und unter diesen Bedingungen möchte ich das nicht machen.“

Und plötzlich hätte nicht mehr nur der Arbeitnehmer ein Problem, sondern auch der Arbeitgeber. Er müsste überlegen, warum niemand seine Stelle haben möchte. Vielleicht müsste er mehr bezahlen, die Arbeitszeiten verbessern oder bessere Bedingungen schaffen.

Genau an diesem Punkt finde ich das Grundeinkommen besonders interessant. Denn natürlich verschwinden unangenehme Arbeiten dadurch nicht. Müll muss abgeholt, Gebäude müssen gereinigt, Menschen gepflegt und Kanäle gewartet werden.

Wenn aber niemand mehr gezwungen wäre, solche Tätigkeiten zu beinahe beliebigen Bedingungen anzunehmen, müssten wir uns entscheiden, was uns diese Arbeiten tatsächlich wert sind.

Vielleicht würden manche Tätigkeiten wesentlich besser bezahlt. Vielleicht würden andere technisch automatisiert. Vielleicht würden Arbeitszeiten verkürzt oder Arbeitsbedingungen verbessert.

Ich kann darin zunächst nichts Schlechtes erkennen.

Plötzlich müssten Unternehmen um unsere Lebenszeit kämpfen

Noch spannender wäre die Veränderung der Machtverhältnisse. Heute bewirbt sich normalerweise der Arbeitnehmer beim Unternehmen. Er soll erklären, weshalb gerade er geeignet ist, warum er dort arbeiten möchte, welche Stärken er besitzt und wo er sich in fünf Jahren sieht.

Mit einer garantierten Existenzgrundlage könnte sich ein Teil dieser Beziehung umdrehen. Dann müsste ein Unternehmen stärker erklären, weshalb ein Mensch ausgerechnet dort 30 oder 40 Stunden seiner Woche verbringen sollte. Bietet es gutes Geld, flexible Arbeitszeiten, Homeoffice, eine Vier-Tage-Woche, eine interessante Tätigkeit oder ein Arbeitsklima, in dem Menschen gerne ihre Zeit verbringen?

Unternehmen würden dann nicht einfach nur um Arbeitskräfte konkurrieren. Sie würden um etwas konkurrieren, das wesentlich wertvoller ist: um menschliche Lebenszeit.

Arbeit und Erwerbsarbeit sind nicht dasselbe

Außerdem stört mich an unserer heutigen Diskussion, dass wir Arbeit ständig mit Erwerbsarbeit gleichsetzen. Eine Frau, die täglich ihren pflegebedürftigen Vater versorgt, arbeitet selbstverständlich. Eltern, die Kinder großziehen, arbeiten.

Menschen, die sich ehrenamtlich um andere kümmern, leisten Arbeit. Jemand kann monatelang ein Buch schreiben, Musik komponieren oder kostenlos Software entwickeln und damit etwas schaffen, das später vielleicht Tausenden Menschen Freude bereitet.

Trotzdem zählt all das in unserem wirtschaftlichen Denken ganz anders als eine bezahlte Beschäftigung. Sobald Geld fließt, wird aus einer Tätigkeit plötzlich eine volkswirtschaftlich sichtbare Leistung.

Natürlich brauchen wir Erwerbsarbeit. Irgendjemand muss Dinge produzieren, Dienstleistungen erbringen und all das finanzieren, was eine Gesellschaft benötigt. Aber vielleicht sollten wir aufhören, Erwerbsarbeit mit gesellschaftlichem Wert oder sogar mit dem Wert eines Menschen zu verwechseln.

Ganz so einfach ist das Grundeinkommen allerdings nicht

Natürlich hatte Nova auch einen Einwand, sonst wäre Nova nicht Nova. Ein echtes Grundeinkommen müsste finanziert werden, und dabei reden wir über enorme Summen. Bei beispielsweise 1.200 Euro monatlich für rund 70 Millionen Erwachsene käme zunächst ein Bruttobetrag von mehr als einer Billion Euro im Jahr zusammen.

Allerdings bedeutet diese Zahl nicht automatisch, dass der Staat zusätzlich eine Billion Euro irgendwo auftreiben müsste. Ein Grundeinkommen würde Teile des bestehenden Sozial- und Steuersystems verändern. Bestimmte Sozialleistungen könnten ersetzt oder verrechnet werden, Freibeträge könnten anders gestaltet werden und Menschen mit höheren Einkommen würden einen Teil ihres Grundeinkommens über Steuern faktisch wieder zurückzahlen.

Deshalb wäre die wirklich interessante Frage nicht, wie hoch die gigantisch klingende Bruttosumme ist. Entscheidend wäre, welche zusätzliche Nettoumverteilung tatsächlich notwendig wäre und wie man sie finanziert. Darüber kann und muss man streiten.

Ein schwieriges Finanzierungsproblem bedeutet für mich aber noch lange nicht, dass man über die grundsätzliche Idee nicht nachdenken sollte.

Existenz ohne Arbeit, Wohlstand durch Arbeit

Am Ende unseres Gesprächs kamen Nova und ich auf eine Formulierung, die ziemlich genau beschreibt, wie ich mir ein solches System vorstellen würde: Existenz ohne Arbeit, Wohlstand durch Arbeit.

Niemand sollte arbeiten müssen, damit er essen und wohnen darf. Wer aber mehr möchte, könnte weiterhin arbeiten. Ein größeres Haus, ein besseres Auto, Reisen, teure Hobbys, Luxus oder einfach mehr finanzieller Spielraum wären weiterhin gute Gründe, Geld zu verdienen.

Arbeit würde also keineswegs verschwinden. Ihre Funktion würde sich verändern. Sie wäre nicht länger die Eintrittskarte zur bloßen Existenz, sondern eine Möglichkeit, das eigene Leben zu erweitern und nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten.

Und ich glaube tatsächlich, dass erstaunlich viele Menschen weiterhin arbeiten würden. Vielleicht nicht alle 40 Stunden, vielleicht nicht bis fast 70 und vielleicht würden manche auch ganz andere Dinge tun als heute. Aber Menschen wollen gestalten, etwas können, gebraucht werden, etwas erschaffen und natürlich auch Dinge besitzen und erleben, die Geld kosten.

Der Unterschied wäre lediglich, dass sie wesentlich häufiger entscheiden könnten, welche Arbeit ihnen ihre Lebenszeit wert ist.

Vielleicht stellen die Jungen genau die richtige Frage

Deshalb sehe ich inzwischen auch die Meldung über jeden zehnten jungen Erwachsenen ohne Job oder Ausbildung etwas anders. Natürlich erklärt ein Grundeinkommen diese Zahl nicht, und selbstverständlich befinden sich darunter viele Menschen, die gerne eine Ausbildung oder Arbeit hätten und Unterstützung beim Einstieg benötigen.

Aber möglicherweise sehen wir gleichzeitig den Anfang einer viel größeren gesellschaftlichen Veränderung. Vielleicht verändert sich gerade unsere Vorstellung davon, wofür ein menschliches Leben eigentlich da ist.

Die Politik fragt momentan vor allem, wie wir Menschen dazu bringen können, mehr zu arbeiten. Ich würde die Frage umdrehen: Wie schaffen wir eine Gesellschaft, in der Menschen arbeiten wollen, weil Arbeit ihnen etwas gibt und nicht deshalb, weil ihnen ohne Erwerbsarbeit die Existenzgrundlage fehlt?

Und irgendwann könnte noch eine viel verrücktere Frage hinzukommen. Wir entwickeln künstliche Intelligenz, Roboter und immer leistungsfähigere Maschinen, die uns einen wachsenden Teil notwendiger Arbeit abnehmen könnten. Gleichzeitig diskutieren wir darüber, wie wir Menschen dazu bringen, länger zu arbeiten.

Vielleicht werden kommende Generationen einmal auf unsere Zeit zurückblicken und sich fragen, was wir da eigentlich veranstaltet haben: Ihr hattet Maschinen, Computer, Roboter und künstliche Intelligenz – und euer größtes Problem bestand darin, wie ihr die Menschen dazu bringt, trotzdem möglichst viel ihrer Lebenszeit mit Arbeit zu verbringen?

Wenn man es so betrachtet, ist unsere Vorstellung von Fortschritt schon ein kleines bisschen merkwürdig.

Quellen:
DIW Berlin – Pilotprojekt Grundeinkommen: Studienergebnisse: https://www.diw.de/de/diw_01.c.945347.de/publikationen/wochenberichte/2025_15_1/pilotprojekt_grundeinkommen__kein_rueckzug_vom_arbeitsmarkt__aber_bessere_mentale_gesundheit.html
Statistisches Bundesamt – NEET-Quote 2026 (Analyse): https://aktuelle-sozialpolitik.de/2026/08/17/die-neeties/