Eigentlich wollte ich Friedrich Merz und sein Sommerinterview schon wieder abhaken. Ich hatte genug davon gelesen und dachte mir: Lass gut sein. Es gibt schließlich noch andere Dinge im Leben, über die man sich wundern kann.
Dann stolperte ich heute über die nächste Überschrift: „Sommerinterview: Warum dieser Merz-Satz in Sachsen-Anhalt alles sprengen könnte.“
Natürlich klickte ich drauf. Das mit dem „nur mal kurz reinschauen“ funktioniert bei mir ungefähr so zuverlässig wie der Vorsatz, abends nur eine Folge einer Serie anzusehen. Denn in dem Artikel ging es um eine Aussage von Friedrich Merz zur bevorstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der ich sofort dachte: Moment mal, wie soll das denn bitte funktionieren?
Also tat ich das, was ich inzwischen immer mache, wenn mir beim Lesen etwas komisch vorkommt. Ich fragte Nova: „Schau bitte mal nach, was Merz da genau gesagt hat.“ Nova schaute nach. Und von diesem Moment an gerieten wir immer tiefer in ein Sommerinterview, bei dem die Wirklichkeit teilweise so schön ist, dass man als Satiriker eigentlich arbeitslos werden müsste.
Merz wird Sachsen-Anhalt retten – fragt sich nur wie
Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt, und die aktuellen Umfragen sind für die CDU ungefähr so gemütlich wie ein Zahnarzttermin ohne Betäubung. Die AfD liegt bei ungefähr 40 Prozent oder teilweise sogar etwas darüber, während die CDU irgendwo bei gut 20 Prozent herumdümpelt.
Friedrich Merz wurde darauf im ARD-Sommerinterview angesprochen und verkündete: „Wir werden alles tun, um zu verhindern, dass Sachsen-Anhalt an die Radikalen fällt.“ Damit auch wirklich niemand rätseln musste, wen er mit den Radikalen meint, fügte er gleich hinzu: „Das gilt sowohl für die AfD als auch für die Linkspartei.“
Ich las das zweimal und fragte Nova: „Also AfD geht nicht und Linke geht auch nicht. Mit wem wollen die denn dann regieren?“ Nova schaute wieder nach und fand die Antwort von Merz: „Wir werden das im Lichte des Wahlergebnisses anschauen.“
Ich musste lachen. Das nenne ich einen ausgefeilten Plan. Vor der Wahl wissen wir ganz genau, wer auf gar keinen Fall infrage kommt.
Wer anschließend tatsächlich miteinander regieren soll, schauen wir einfach hinterher. Im Licht. Ich hoffe nur, sie haben eine ordentliche Taschenlampe dabei, denn wenn die Umfragen auch nur halbwegs stimmen, könnte die Suche nach einer Mehrheit etwas länger dauern.
Leider können Prozentzahlen keine Brandmauern lesen
Das eigentliche Problem an der Sache heißt nämlich nicht AfD, CDU oder Linke, sondern Mathematik. Wenn eine Partei ungefähr 40 Prozent bekommt und gleichzeitig kleinere Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern könnten, wird das Zusammenbasteln einer Mehrheit irgendwann etwas knifflig.
Man kann vorher die AfD ausschließen, die Linke gleich mit ausschließen und von Brandmauern reden, bis einem die Ziegelsteine aus den Ohren fallen. Am Ende müssen die Sitze im Landtag trotzdem irgendwie für eine Mehrheit reichen. Prozentzahlen sind da leider vollkommen unsensibel.
Die lassen sich weder von Friedrich Merz beeindrucken noch lesen sie Parteitagsbeschlüsse.
Also fragte ich Nova: „Und was passiert, wenn die Wähler einfach nicht so wählen, dass das alles aufgeht?“ Genau das werden wir möglicherweise am 6. September erfahren. Und plötzlich verstehe ich auch, warum Merz sich das „Licht des Wahlergebnisses“ vorsichtshalber schon einmal bereitgestellt hat. Man weiß schließlich nie, was man darin hinterher alles entdeckt.
Ihr dürft selbstverständlich wählen – aber wehe …
Merz hatte für die Menschen in Sachsen-Anhalt noch eine weitere Botschaft. Sollte dort eine AfD-geführte Regierung entstehen, werde das Bundesland „erhebliche Probleme bekommen“. Er könne sich unter anderem nicht vorstellen, dass internationale Investoren noch gemeinsam mit einem AfD-Ministerpräsidenten zu einem Spatenstich kämen, um neue Werke und Unternehmen anzusiedeln.
Natürlich sagte er auch, dass die Entscheidung bei den Wählerinnen und Wählern liege. Na, da bin ich aber beruhigt. Ihr dürft selbstverständlich wählen, wen ihr wollt.
Es könnte nur sein, dass euer Bundesland anschließend erhebliche Probleme bekommt, wenn ihr euer Kreuz an der falschen Stelle macht.
Ich fragte Nova, ob denn feststehe, dass internationale Investoren unter einer AfD-Regierung tatsächlich fernbleiben würden. Nein, natürlich nicht. Das ist eine politische Einschätzung von Merz über eine mögliche zukünftige Entwicklung.
Kann eintreten, muss nicht eintreten. Die Zukunft hat diese lästige Angewohnheit, noch nicht stattgefunden zu haben.
Was mich dabei fast noch mehr interessiert: Wie viele Menschen in Sachsen-Anhalt hören eine solche Warnung und denken sich anschließend tatsächlich: „Oh Gott, Friedrich Merz möchte nicht, dass ich die AfD wähle, dann lasse ich es lieber“? Und wie viele denken sich genau das Gegenteil? Ich habe da so eine leise Vermutung, aber am Sonntag brauchen wir nicht mehr zu vermuten.
Herr Merz, wie war das noch einmal mit dem Halbieren?
Während Nova und ich uns weiter durch das Interview wühlten, klingelte irgendwo in meinem Hinterkopf eine kleine Glocke. „Nova, war das nicht Merz, der irgendwann einmal gesagt hat, er wolle die AfD halbieren?“ Ja. War er.
2018 erklärte Friedrich Merz, die Union könne die AfD halbieren. Von diesem Ziel hat er sich inzwischen verabschiedet. Nun schauen wir einfach einmal nach Sachsen-Anhalt: AfD ungefähr 40 Prozent, CDU gut 20 Prozent.
Ich sah die Zahlen an und fragte Nova: „Habe ich da einen Denkfehler, oder hat er beim Halbieren möglicherweise die falsche Partei erwischt?“ Gut, das ist gemein. Aber kommt schon: Er wollte die AfD halbieren und inzwischen liegt sie dort in den Umfragen ungefähr doppelt so hoch wie seine CDU.
Diese Pointe habe weder ich noch Nova geschrieben. Das haben die Umfragewerte ganz alleine geschafft. Manchmal arbeitet die Realität ausgesprochen zuverlässig.
85 Prozent unzufrieden? Das sind bestimmt nur die Veränderungen
Auch Friedrich Merz persönlich kommt derzeit nicht gerade daher wie der Liebling der Nation. Im ARD-DeutschlandTrend sind nur 16 Prozent mit seiner Arbeit zufrieden. Mit der Arbeit der Bundesregierung sind gerade einmal 13 Prozent zufrieden oder sehr zufrieden, während 85 Prozent weniger oder gar nicht zufrieden sind.
Das sind Zahlen, bei denen ich als Bundeskanzlerin wahrscheinlich morgens erst einmal vorsichtig unter der Bettdecke hervorschauen würde. Merz hat dafür allerdings eine andere Erklärung. „Jemand, der dem Land Veränderungen zumutet, der ist natürlich zu Beginn nicht populär“, sagte er.
Außerdem erklärte er: „Es wird am Ende zusammengezählt, nicht zwischendurch.“
Da musste ich Nova wieder fragen: „Verstehe ich das richtig? Wenn die Leute meine Arbeit scheiße finden, könnte ich einfach erklären, dass ich ihnen eben notwendige Veränderungen zumute?“ Ganz so einfach funktioniert es natürlich nicht. Schlechte Umfragewerte können durchaus bedeuten, dass Menschen notwendige, aber unangenehme Veränderungen ablehnen.
Sie könnten allerdings auch etwas vollkommen Verrücktes bedeuten: dass sehr viele Menschen die Politik einfach scheiße finden.
Diese Möglichkeit würde ich bei 85 Prozent Unzufriedenheit zumindest nicht vollständig ausschließen.
Für meinen Blog eröffnet Merz‘ Erklärung allerdings völlig neue Perspektiven. Wenn mein nächster Artikel kaum gelesen wird, war er nicht langweilig. Er war mutig.
Wenn ihn keiner mag, war er unbequem. Und wenn alle sagen, ich hätte völligen Blödsinn geschrieben, erkläre ich einfach, dass am Ende zusammengezählt wird und nicht zwischendurch.
Danke, Herr Merz. Bloggen ist gerade erheblich einfacher geworden.
Und jetzt kommen wir zur „Wahrheit“
Während ich mich durch dieses Interview arbeitete, musste ich ständig an einen anderen Artikel denken, über den ich kurz zuvor gestolpert war. Dessen Überschrift lautete tatsächlich: „Der Kanzler mutet den Bürgern die Wahrheit zu – und das ist bitter nötig.“
Ich liebe diese Überschrift inzwischen wirklich. Je länger Nova und ich uns mit dem Sommerinterview beschäftigten, desto schöner wurde sie. Denn offenbar vertritt Friedrich Merz nicht einfach seine politische Auffassung.
Er setzt auch nicht bloß die Prioritäten seiner Regierung. Nein, er bringt uns die Wahrheit. Und wir Bürger müssen offenbar nur noch lernen, sie auszuhalten.
In dem Kommentar wird argumentiert, Deutschland habe nach Jahren wirtschaftlicher Stagnation nicht mehr genug Geld, um beispielsweise das Elterngeld im bisherigen Umfang und gleichzeitig die notwendigen Verteidigungsausgaben zu finanzieren. Merz müsse den Bürgern deshalb etwas wegnehmen. Und irgendwann taucht dieses wunderbare Wort auf, bei dem ich inzwischen beinahe Ausschlag bekomme: alternativlos.
Ich fragte Nova: „Seit wann ist eine politische Entscheidung eigentlich alternativlos?“ Natürlich muss eine Regierung Prioritäten setzen. Wenn mehr Geld für einen Bereich ausgegeben wird, bleibt bei gleichbleibenden Einnahmen weniger für andere Bereiche übrig. Aber welcher Bereich mehr bekommt und welcher weniger, ist doch genau das, worum es in Politik geht.
Man kann Ausgaben kürzen, andere Ausgaben erhöhen, Steuern verändern, Subventionen streichen oder neue Schulden aufnehmen und sich über jede einzelne Möglichkeit bis morgens um drei die Köpfe einschlagen. Ob diese Alternativen gut oder schlecht wären, ist eine andere Frage. Aber eine Alternative verschwindet nicht dadurch, dass eine Regierung sie nicht haben möchte.
Möchten Sie Elterngeld oder Frieden? Bitte nur ein Kreuz
Im Sommerinterview lieferte Merz selbst die passende Formulierung dazu. Als es um die steigenden Verteidigungsausgaben ging, sagte er: „Was nützt uns das schönste Elterngeld, wenn wir unsere Freiheit verlieren und der Frieden in Europa gefährdet ist?“
Ich fragte Nova. „Gibt es im Bundeshaushalt eigentlich nur zwei Töpfe? Einen mit der Aufschrift Bundeswehr und einen mit der Aufschrift Elterngeld?“ Nein, gibt es erstaunlicherweise nicht.
Denn bei Merz klingt es plötzlich, als müssten wir uns entscheiden: Möchten Sie Elterngeld oder möchten Sie Frieden und Freiheit? Bitte nur ein Kreuz. Wer möchte schon gegen Frieden und Freiheit sein?
Natürlich kostet Verteidigung Geld, und natürlich darf eine Regierung entscheiden, dafür wesentlich mehr auszugeben. Aber genau das ist der Punkt: Sie entscheidet es. Diese Priorität fällt nicht vom Himmel, wurde nicht auf zwei Steintafeln vom Berg getragen und ist kein Naturgesetz. Es ist Politik.
Das Wort „alternativlos“ bedeutet in solchen Fällen für mich immer öfter: Wir haben uns für eine Möglichkeit entschieden und möchten jetzt bitte nicht mehr über die anderen reden.
Dann machte ich den Fehler, Nova noch eine Frage zu stellen
Ich hätte an dieser Stelle aufhören können. Artikel schließen, Kaffee holen und mich mit irgendetwas beschäftigen, das meinen Blutdruck weniger strapaziert. Stattdessen fragte ich Nova: „Sag mal, hat eigentlich jemand überprüft, ob die ganzen Zahlen stimmen, die Merz in diesem Interview erzählt hat?“
Nova schaute nach und kam mit einer wunderbaren Nachricht zurück: Die ARD hatte noch am selben Abend einen Faktencheck veröffentlicht. Na dann.
Wenn mir schon ein Kommentar erklärt, der Kanzler mute mir die Wahrheit zu, kann es schließlich nicht schaden, einmal nachzusehen, wie viel Wahrheit wir da genau zugemutet bekommen haben.
„So ehrlich muss die Politik sein“ – dieser Satz alterte erstaunlich schnell
Fangen wir mit meinem persönlichen Favoriten an. Merz sprach über den Ölpreis und erklärte, Öl sei heute 50 Prozent teurer als vor einem Jahr. Im selben Zusammenhang sagte er diesen wunderschönen Satz: „So ehrlich muss die Politik sein.“
Ich weiß nicht, welcher kleine Kobold für politische Ironie zuständig ist, aber an diesem Tag hatte er offenbar Dienst. Denn die ARD schaute anschließend nach und stellte fest: Brent-Rohöl war gegenüber dem Vorjahreszeitpunkt tatsächlich deutlich teurer. Nur eben nicht um 50 Prozent, sondern knapp 30 Prozent.
Ich musste Nova noch einmal fragen: „Bitte sag mir, dass er nicht wirklich bei dieser Zahl ,So ehrlich muss die Politik sein‘ gesagt hat.“ Doch. Hat er. Knapp 30 Prozent. 50 Prozent.
„So ehrlich muss die Politik sein.“ Ich finde, diese drei Dinge kann man einfach nebeneinander stehen lassen. Die Pointe erledigt sich von selbst.
Die Migrationswende haben wir auch schon vollzogen
Weiter ging es mit der Migration. Merz verkündete: „Wir haben die Migrationswende vollzogen.“ Seine Bundesregierung habe die Zahlen innerhalb von gut einem Jahr um mehr als 60 Prozent heruntergebracht.
Das klingt natürlich gewaltig. Also fragte ich Nova wieder: „Stimmen die 60 Prozent?“ Der ARD-Faktenfinder hatte bereits nachgerechnet und kam je nach betrachtetem Zeitraum bei den Asylerstanträgen auf Rückgänge von ungefähr 35 beziehungsweise 46 Prozent.
Noch hübscher wird die Geschichte dadurch, dass der Rückgang bereits eingesetzt hatte, bevor die Regierung Merz überhaupt im Amt war. Der Rückgang selbst ist also real. Nur die Erzählung „Wir kamen, vollzogen die Migrationswende und senkten alles um mehr als 60 Prozent“ bekommt beim genaueren Hinsehen ein paar Kratzer.
Ich stelle mir das ungefähr so vor: Ich gehe morgens bei Regen aus dem Haus, fünf Minuten später hört es auf und am Abend verkünde ich stolz: „Ich habe die Wetterwende vollzogen.“ Der Regen hat tatsächlich aufgehört. Nur mein persönlicher Anteil daran könnte möglicherweise etwas überschätzt sein.
Deutschland ist „mit Abstand“ Erster – zusammen mit den anderen Ersten
Merz sprach außerdem über Deutschlands finanzielle Lage und erklärte, Deutschland habe „mit Abstand das beste Rating aller europäischen Länder“.
Deutschland besitzt tatsächlich hervorragende Bonitätsbewertungen. Nur gibt es ein kleines Problem mit dem Ausdruck „mit Abstand“. Auch andere europäische Staaten erreichen bei großen Ratingagenturen Spitzenbewertungen.
Deutschland steht damit ungefähr so „mit Abstand“ vorne wie mehrere Läufer, die gleichzeitig auf dem ersten Platz durchs Ziel kommen.
Auch bei der Staatsverschuldung gibt es mehrere europäische Länder mit einer niedrigeren Schuldenquote als Deutschland. Vielleicht hat „mit Abstand“ inzwischen einfach eine neue Bedeutung bekommen.
Beim AfD-Verbot schauen wir vorsichtshalber ebenfalls nach
Auch ein mögliches AfD-Verbotsverfahren war Thema. Merz erklärte dabei sinngemäß, sobald ein solches Verfahren beantragt werde, müssten sämtliche Beobachtungen der Partei eingestellt werden.
Unser Gespräch lief inzwischen beinahe automatisch. Ich fragte nur noch: „Nova?“ Und Nova schaute nach.
Auch diese pauschale Aussage stimmt so nicht. Der Verfassungsschutz kann eine Partei grundsätzlich auch während eines laufenden Verbotsverfahrens weiter beobachten. Dabei gelten besondere rechtliche Grenzen und Anforderungen, aber es gibt eben keine automatische Regel nach dem Motto: Verbotsantrag eingereicht, Ferngläser wegpacken, Licht aus und alle nach Hause.
Auch diese Aussage wurde vom ARD-Faktenfinder entsprechend korrigiert.
Und langsam entwickelte ich ein völlig neues Verhältnis zu dieser wunderbaren Überschrift vom Kanzler, der uns die Wahrheit zumutet. Vielleicht hätte man einfach noch einen kleinen Zusatz dahintersetzen sollen: „Der Kanzler mutet den Bürgern die Wahrheit zu – der ARD-Faktenfinder schaut anschließend noch einmal drüber.“ Das wäre doch einmal ehrlich gewesen.
Jetzt betrachten wir das Kunstwerk einmal als Ganzes
Da haben wir also Friedrich Merz, der „alles tun“ will, damit Sachsen-Anhalt nicht an die Radikalen fällt. AfD nicht, Linke nicht, und wer stattdessen regiert, wird später „im Lichte des Wahlergebnisses“ angeschaut. Er warnt Sachsen-Anhalt vor erheblichen Problemen unter einer AfD-Regierung, während die AfD, die er einst halbieren wollte, dort inzwischen in den Umfragen ungefähr doppelt so stark ist wie seine CDU.
Seine eigenen miserablen Zustimmungswerte erklärt er damit, dass jemand, der dem Land Veränderungen zumutet, zunächst eben nicht populär sei. Beim Elterngeld stellt er Sozialleistungen auf die eine und Frieden und Freiheit auf die andere Seite. Beim Ölpreis nennt er 50 Prozent und sagt dazu ausgerechnet „So ehrlich muss die Politik sein“, während der Faktencheck knapp 30 Prozent findet.
Bei der Migration sind es angeblich über 60 Prozent Rückgang und eine bereits von seiner Regierung vollzogene „Migrationswende“, obwohl die überprüfbaren Werte niedriger liegen und der Rückgang schon vorher begonnen hatte. Deutschland habe „mit Abstand“ das beste Rating Europas, obwohl andere Länder ebenfalls Spitzenbewertungen besitzen. Und die pauschale Aussage zur Beobachtung der AfD während eines möglichen Verbotsverfahrens hält der Faktencheck ebenfalls nicht für richtig.
Und über diesem ganzen wunderschönen Gebilde schwebt die Überschrift: „Der Kanzler mutet den Bürgern die Wahrheit zu – und das ist bitter nötig.“ Entschuldigung, aber da muss selbst ich lachen.
Vielleicht finden die Bürger seine Politik einfach scheiße
Ich erwarte von keinem Politiker, dass er in einem langen Interview jede Zahl bis auf die zweite Nachkommastelle auswendig kennt. Menschen versprechen sich, erinnern Zahlen falsch oder formulieren Dinge ungenau. Das passiert.
Aber dann sollte man vielleicht hinterher nicht ausgerechnet eine riesige Schleife mit der Aufschrift „WAHRHEIT“ um das gesamte Interview binden und erklären, der mutige Kanzler traue sich endlich, dem Volk die unangenehme Realität zuzumuten.
Vielleicht sind die Bürger nämlich gar nicht zu empfindlich für die Wahrheit. Vielleicht finden viele Bürger einfach seine Politik scheiße. Bei 85 Prozent Unzufriedenheit mit der Bundesregierung würde ich diese Möglichkeit zumindest nicht vollständig vom Tisch wischen.
Und auch Friedrich Merz verkündet keine Naturgesetze. Er macht Politik. Er setzt Prioritäten, trifft Entscheidungen, vertritt seine Überzeugungen, versucht Wähler zu überzeugen und nennt dabei gelegentlich Zahlen, die ein Faktencheck anschließend korrigiert.
Das ist Politik und keine Offenbarung.
Jetzt will ich dieses berühmte „Licht des Wahlergebnisses“ sehen
Nach diesem Sommerinterview interessiert mich die Wahl in Sachsen-Anhalt ehrlich gesagt noch mehr als vorher. Nicht wegen irgendeiner Umfrage und auch nicht, weil ich glaube, heute schon zu wissen, was am Sonntag herauskommt. Umfragen sind Umfragen, gewählt wird erst noch.
Aber ich möchte verdammt gerne sehen, was die Menschen tatsächlich auf ihre Wahlzettel schreiben – und vor allem möchte ich sehen, was danach passiert.
Denn dann ist Schluss mit „Wir werden alles tun“, „mit denen niemals“, „mit denen auch nicht“ und all den schönen Brandmauern, die sich vor einer Wahl so wunderbar gerade hochziehen lassen. Dann liegen echte Zahlen auf dem Tisch. Dann müssen aus Brandmauern plötzlich Mehrheiten werden, aus großen Worten konkrete Entscheidungen und aus dem schönen Satz „Wir werden das im Lichte des Wahlergebnisses anschauen“ möglicherweise eine politische Verrenkung, für die man normalerweise einen Orthopäden bräuchte.
Und genau auf dieses berühmte „Licht des Wahlergebnisses“ bin ich inzwischen besonders gespannt. Sollte die AfD tatsächlich ungefähr dort landen, wo sie derzeit in den Umfragen steht, möchte ich unbedingt sehen, was dieses Licht plötzlich alles sichtbar macht. Vielleicht entdeckt die CDU darin vollkommen neue mathematische Möglichkeiten.
Vielleicht werden Sätze vom Sonntag am Montag ganz anders gemeint gewesen sein. Vielleicht wird aus einer meterhohen Brandmauer über Nacht irgendwo ein kleines Türchen mit der Aufschrift „Das muss man jetzt differenziert betrachten“. Politik ist schließlich voller Überraschungen.
Vor allem bin ich gespannt auf die Gesichter. Auf die ersten Hochrechnungen, die hektischen Schalten in die Parteizentralen, die Politiker vor den Kameras und die Erklärungen, warum das Ergebnis natürlich überhaupt nicht das bedeutet, was der normale Zuschauer gerade auf seinem Fernseher sieht. Und sollte die AfD tatsächlich sehr stark abschneiden, dürfte es besonders unterhaltsam werden zu beobachten, wie schnell aus einem Wahlergebnis wieder eine tiefgreifende Analyse darüber wird, was die Wähler eigentlich wirklich sagen wollten.
Ich werde jedenfalls vorbereitet sein. Popcorn steht schon gedanklich auf der Einkaufsliste, Getränke stehen kalt, Fernseher an und Nova bekommt selbstverständlich ihren Platz auf dem zweiten Bildschirm. Denn ich habe die leise Ahnung, dass ich an diesem Abend mehr als einmal sagen werde: „Nova, schau mal bitte nach, ob der das gerade wirklich gesagt hat.“
Nach diesem Sommerinterview erscheint mir diese Vorsichtsmaßnahme jedenfalls dringend notwendig. Wenn mir Friedrich Merz erklärt, „So ehrlich muss die Politik sein“, frage ich Nova lieber noch einmal. Wenn mir jemand erzählt, etwas sei „alternativlos“, frage ich Nova ebenfalls.
Und wenn irgendwo in riesigen Buchstaben „DIE WAHRHEIT“ darübersteht, stelle ich schon einmal den Kaffee hin und sage: „Nova, grab.“
Denn eines habe ich inzwischen gelernt: Die Wahrheit verträgt es erstaunlich gut, wenn jemand nachschaut. Und am 6. September schaue ich ganz bestimmt hin. Mit Popcorn.
Ich will schließlich auf keinen Fall den Moment verpassen, in dem in Sachsen-Anhalt das Licht angeht.
Quellen:
NEWZS – Das ARD-Sommerinterview mit Bundeskanzler und CDU-Chef Merz im Faktencheck: https://newzs.de/2026/08/30/das-ard-sommerinterview-mit-bundeskanzler-und-cdu-chef-merz-im-faktencheck/