Man könnte sie die Kirche der Angst nennen: Ich habe einen interessanten Artikel darüber gelesen, wie die katholische Kirche ihre Gläubigen früher einschüchterte, und je länger man sich mit diesem Thema beschäftigt, desto deutlicher wird, dass Angst innerhalb dieses Systems keineswegs nur eine unglückliche Begleiterscheinung war. Sie war über viele Jahrhunderte ein ausgesprochen wirksames Herrschaftsmittel.
Natürlich gab und gibt es gläubige Menschen, die aus ihrem Glauben Trost, Hoffnung und Kraft ziehen. Darum geht es hier nicht. Es geht auch nicht darum, jeden katholischen Priester oder jeden Menschen, der sonntags in die Kirche geht, über einen Kamm zu scheren.
Es geht um eine mächtige Institution, die den Menschen über Jahrhunderte erklärte, was sie denken, fühlen, lieben und sogar in ihren intimsten Momenten empfinden durften.
Wer sich nicht an diese Regeln hielt, musste nicht nur mit gesellschaftlicher Ausgrenzung oder kirchlichen Strafen rechnen. Ihm wurde eingeredet, dass nach dem Tod womöglich eine Strafe wartete, gegen die jedes irdische Leiden geradezu harmlos erschien. Nicht für einen Tag, nicht für ein Jahr und nicht für ein Menschenleben, sondern angeblich für die Ewigkeit.
Und genau an diesem Punkt hört für mich der Glaube auf und psychologische Kontrolle beginnt.
Die Kirche der Angst: Ein Gott, der angeblich jeden Gedanken beobachtet
Bereits Kinder lernten, dass Gott alles sieht. Er sah nicht nur, was sie taten, sondern angeblich auch, was sie dachten. Ein falsches Wort, ein verbotener Gedanke, Zweifel am Glauben oder später auch nur ein sexuelles Empfinden konnten zur Sünde erklärt werden.
Was richtet eine solche Vorstellung in einem Kind an? Es lernt nicht, selbst zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. Es lernt vielmehr, Angst davor zu haben, beobachtet und bestraft zu werden.
Selbst dort, wo kein Erwachsener anwesend ist, bleibt der unsichtbare Blick bestehen.
Die wirksamste Überwachung ist diejenige, für die man keinen Wächter mehr braucht, weil der Mensch begonnen hat, sich selbst zu überwachen.
Genau das machte dieses System so mächtig. Die Kirche musste nicht in jedem Haus stehen, denn sie hatte ihre Regeln längst in die Köpfe der Menschen gepflanzt. Wer sich schuldig fühlte, kontrollierte sich selbst.
Wer Angst vor der Hölle hatte, wagte keinen Widerspruch. Und wer dennoch zweifelte, fragte sich womöglich bereits, ob nicht sogar dieser Zweifel eine neue Sünde war.
Die Hölle als perfektes Druckmittel
Die Vorstellungen von Hölle, Fegefeuer und ewiger Verdammnis wurden im Laufe der Geschichte mit Bildern ausgeschmückt, die jedem Menschen Angst machen mussten. Feuer, Dämonen, körperliche Qualen und eine Strafe, die niemals enden sollte, wurden nicht nur in Predigten beschrieben, sondern auch in Bildern, Schriften und religiösen Erzählungen verbreitet.
Die meisten Menschen konnten im Mittelalter weder lesen noch schreiben. Sie waren darauf angewiesen, was ihnen Priester erzählten und was sie auf den Bildern in den Kirchen sahen. Wenn ihnen dort gezeigt wurde, wie Sünder verbrannten, von Dämonen gequält oder in Abgründe gestürzt wurden, war das keine harmlose Fantasiegeschichte.
Für sie war es eine angebliche Wirklichkeit, die nach dem Tod auf sie warten konnte.
Der französische Religionshistoriker Georges Minois bezeichnete die christliche Hölle als eine besonders vollkommene und jede Hoffnung zerstörende Maschinerie zur Bestrafung der Sünder. Das klingt hart, aber es trifft den Kern. Denn gegen eine endliche Strafe kann ein Mensch sich auflehnen.
Gegen eine ewige Strafe, verhängt von einem allmächtigen Gott, scheint es keinen Widerstand zu geben.
Wer dieses Bild glaubte, war bereit, fast alles zu tun, um der Verdammnis zu entgehen. Er gehorchte, beichtete, zahlte, verzichtete und fügte sich einer Institution, die gleichzeitig behauptete, den einzigen Weg zur Rettung zu kennen.
Erst wurde die Schuld erzeugt, dann die Erlösung angeboten
Besonders perfide war für mich schon immer dieses Zusammenspiel aus Schuld und Vergebung. Die Kirche legte fest, was eine Sünde war. Sie erklärte den Menschen, dass sie schuldig seien, und bot anschließend genau die Mittel an, mit denen diese Schuld angeblich wieder beseitigt oder zumindest gemildert werden konnte.
Man könnte es beinahe als eines der ältesten Geschäftsmodelle der Geschichte bezeichnen: Zuerst wird ein Problem geschaffen, dann wird Angst vor den Folgen erzeugt, und schließlich bietet dieselbe Institution die Lösung an.
Die Menschen mussten beichten, Buße tun, beten oder bestimmte kirchliche Handlungen vollziehen. Im Zusammenhang mit dem Ablass entstand zeitweise sogar der Eindruck, die Folgen von Sünden ließen sich durch Leistungen oder Zahlungen verringern. Das spielte später eine wichtige Rolle bei der Reformation, denn der Handel mit der Angst vor dem Jenseits hatte Ausmaße angenommen, die selbst innerhalb des Christentums nicht mehr widerspruchslos hingenommen wurden.
Wer allein bestimmen darf, was Schuld ist, besitzt auch die Macht darüber, wer Vergebung erhält.
Dabei war die Sache geschickt aufgebaut. Selbst wenn ein Mensch äußerlich nach den Regeln lebte, blieb noch immer sein Inneres. Gedanken, Wünsche, Träume und Begierden konnten ebenfalls als sündhaft gelten.
Vollständig unschuldig konnte man in einem solchen System eigentlich nie sein. Irgendetwas ließ sich immer finden.
Die Beichte als Blick in das Innerste des Menschen
Die Beichte wird heute gern als befreiendes Gespräch dargestellt. Für manche Menschen mag sie tatsächlich so empfunden worden sein. Historisch wurde sie jedoch auch als Instrument der Kontrolle und Einschüchterung kritisiert.
Der britische Religionswissenschaftler John Cornwell beschrieb die Geschichte der Beichte als eine Geschichte, in der Angst, Schuld und kirchliche Macht eng miteinander verbunden waren. Besonders problematisch war, dass Kinder bereits sehr früh zur Beichte geführt wurden. Papst Pius X. legte zu Beginn des 20. Jahrhunderts fest, dass Kinder etwa ab dem siebten Lebensjahr erstmals beichten und zur Kommunion gehen sollten.
Damit wurden Kinder in einem Alter, in dem sie vieles noch gar nicht einordnen konnten, mit Vorstellungen von Sünde, Todsünde, Hölle und Verdammnis konfrontiert. Sie sollten ihr Gewissen erforschen und einem erwachsenen Priester ihre vermeintlichen Verfehlungen erzählen. Teilweise betrafen die Fragen auch Gedanken über den eigenen Körper oder die erwachende Sexualität.
Man muss sich einmal vorstellen, was das bedeutete. Ein Kind wurde in einen dunklen Beichtstuhl geschickt und sollte dort einem Mann erzählen, was es gedacht, gefühlt oder heimlich getan hatte. Über allem schwebte die Vorstellung, dass eine nicht gebeichtete schwere Sünde die Seele gefährden und im schlimmsten Fall zur ewigen Verdammnis führen könne.
Das hatte mit kindgerechter Moralbildung wenig zu tun. Es förderte Scham, Angst und das Gefühl, bereits wegen vollkommen menschlicher Gedanken verdorben oder unrein zu sein.
Besonders Frauen mussten für die angebliche Moral bezahlen
Während Männer die kirchlichen Regeln festlegten, wurden Frauen über Jahrhunderte besonders stark durch sie eingeschränkt. Ihr Körper, ihre Sexualität, ihre Kleidung, ihre Rolle in der Familie und sogar ihr Verhalten gegenüber dem Ehemann wurden religiös bewertet.
Die Frau sollte gehorsam, sittsam, demütig und vor allem sexuell kontrolliert sein. Gleichzeitig wurde sie in vielen religiösen Vorstellungen als Verführerin dargestellt, die den Mann zur Sünde bringen könne. So wurde ausgerechnet derjenige zum moralischen Richter, der sich selbst angeblich nicht beherrschen konnte, während die Frau die Verantwortung für sein Begehren tragen sollte.
Auch Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft wurden religiös aufgeladen. Sexualität durfte möglichst nur der Fortpflanzung dienen, und wer außerhalb der kirchlich erlaubten Ordnung lebte, musste mit Scham, Ausgrenzung und Verurteilung rechnen.
Diese Vorstellungen wirkten weit über die Kirche hinaus. Sie prägten Gesetze, Familien, Schulen und ganze Gesellschaften. Selbst Menschen, die irgendwann nicht mehr glaubten, trugen die eingeredete Scham oft noch Jahrzehnte mit sich herum.
Wer Fragen stellte, wurde schnell selbst zum Problem
Eine Institution, die behauptet, im Besitz der göttlichen Wahrheit zu sein, kann Zweifel nur schwer ertragen. Denn sobald Menschen anfangen, selbst zu denken, verliert die angeblich unumstößliche Wahrheit ihren Schutz.
Darum wurden abweichende Lehren über viele Jahrhunderte nicht einfach als andere Meinungen behandelt. Menschen konnten als Ketzer verfolgt, ausgegrenzt, eingesperrt oder in bestimmten Zeiten sogar getötet werden. Die kirchlichen Inquisitionen waren dabei nicht bloß religiöse Einrichtungen, sondern eng mit staatlicher Macht verbunden.
Religion und Politik arbeiteten häufig zusammen, weil beide vom Gehorsam der Bevölkerung profitierten.
Natürlich war nicht jede Epoche gleich, und nicht überall geschah dasselbe. Aber das Grundprinzip blieb lange bestehen: Wer die kirchliche Ordnung infrage stellte, stellte damit angeblich nicht nur Priester und Bischöfe infrage, sondern Gott selbst.
Was für eine geniale Absicherung der eigenen Macht. Einem König konnte man widersprechen. Einen Priester konnte man kritisieren.
Doch wenn dieser Priester behauptete, im Auftrag Gottes zu sprechen, wurde aus Kritik plötzlich Gotteslästerung.
Die Angst verschwand nicht einfach mit dem Kirchenaustritt
Besonders erschreckend finde ich, dass solche Mechanismen nicht unbedingt verschwinden, nur weil ein Mensch später nicht mehr glaubt oder aus der Kirche austritt. Wer von klein auf gelernt hat, dass bestimmte Gedanken sündhaft sind, dass Sexualität schmutzig ist oder dass Zweifel bestraft werden, kann diese Prägung nicht einfach wie einen alten Mantel ablegen.
Manche Menschen berichten noch Jahre später von Angst vor der Hölle, obwohl sie mit dem Verstand längst nicht mehr daran glauben. Andere kämpfen mit Schuldgefühlen, sobald sie ihre eigenen Bedürfnisse ernst nehmen. Wieder andere haben Schwierigkeiten, selbst Entscheidungen zu treffen, weil ihnen immer beigebracht wurde, dass Gehorsam eine Tugend und eigenständiges Denken gefährlich sei.
Heute wird in diesem Zusammenhang auch über religiöse Traumatisierung gesprochen. Betroffene können unter Angst, Scham, einem geringen Selbstwertgefühl oder einem ausgeprägten Schwarz-Weiß-Denken leiden. Das betrifft nicht nur den Katholizismus, sondern kann in allen streng autoritären und fundamentalistischen Glaubensgemeinschaften vorkommen.
Dennoch muss gerade die katholische Kirche sich ihrer besonderen Geschichte stellen. Sie war über viele Jahrhunderte eine der mächtigsten Institutionen Europas, prägte Gesellschaften, beeinflusste Herrscher und beanspruchte eine moralische Autorität, die tief in das Privatleben der Menschen hineinreichte.
Glaube mag trösten – Macht braucht Kontrolle
Ich will keinem Menschen seinen persönlichen Glauben nehmen. Wer an Gott glaubt, daraus Kraft zieht und andere Menschen in Ruhe lässt, soll das tun. Was ich jedoch entschieden ablehne, ist eine Institution, die sich zwischen einen Menschen und seinen angeblichen Schöpfer stellt und behauptet, nur sie könne festlegen, wer gut, sündig, rein oder verdammt ist.
Ein Gott, der Liebe sein soll, aber gleichzeitig Menschen wegen ihrer Gedanken, ihrer Liebe oder ihrer Zweifel ewig foltert, ergibt für mich ohnehin keinen Sinn. Noch weniger Sinn ergibt es, dass ausgerechnet Menschen in kostbaren Gewändern behaupten, genau zu wissen, was dieser Gott verlangt.
Die katholische Kirche sprach von Nächstenliebe und schuf gleichzeitig ein System aus Angst, Schuld und Gehorsam. Sie predigte Demut, während ihre höchsten Vertreter in Palästen lebten. Sie verlangte sexuelle Reinheit, während innerhalb ihrer eigenen Mauern unzählige Verbrechen vertuscht wurden.
Sie erklärte sich zur moralischen Instanz und versagte doch immer wieder gerade dort, wo Schutz, Mitgefühl und Menschlichkeit nötig gewesen wären.
Vielleicht bestand die größte Macht der Kirche niemals darin, den Menschen Gott näherzubringen. Vielleicht bestand sie darin, ihnen einzureden, dass sie ohne die Kirche vor Gott keine Chance hätten.
Gedanken am Wegesrand
Religion kann Trost schenken, Gemeinschaft schaffen und Menschen dazu bewegen, anderen zu helfen. Aber sobald sie mit Angst arbeitet, Zweifel verbietet und Gehorsam über das eigene Gewissen stellt, wird sie gefährlich.
Die Geschichte der katholischen Kirche zeigt, wie wirkungsvoll die Vorstellung einer unsichtbaren, ewigen Bestrafung sein kann. Wer an die Hölle glaubt, braucht keine Gefängnismauer. Wer glaubt, dass jeder Gedanke beobachtet wird, braucht keinen sichtbaren Wächter.
Und wer überzeugt ist, nur eine bestimmte Institution könne seine Seele retten, wird diese Institution kaum infrage stellen.
Genau deshalb sollten wir nicht nur fragen, was Menschen glauben. Wir sollten immer auch fragen, wer diesen Glauben auslegt, wer davon profitiert und welche Macht dadurch entsteht.
Denn ein Glaube, der Menschen stärkt, braucht keine Drohung. Eine Wahrheit, die wirklich wahr ist, braucht keine Angst. Und eine Institution, die tatsächlich für Liebe steht, muss niemanden mit ewiger Verdammnis gefügig machen.
Quellen und weiterführende Artikel:
MSN – So schüchterte die katholische Kirche ihre Gläubigen ein
https://www.msn.com/de-de/lifestyle/other/so-sch%C3%BCchterte-die-katholische-kirche-ihre-gl%C3%A4ubigen-ein/ss-AA28KHxy
Deutschlandfunk – „Die Beichte förderte eher die Angst“
https://www.deutschlandfunk.de/religionswissenschaft-die-beichte-foerderte-eher-die-angst-100.html
Deutschlandfunk – Der Ablass im Wandel der Zeiten: Mit Vollkasko ins Jenseits
https://www.deutschlandfunk.de/der-ablass-im-wandel-der-zeiten-mit-vollkasko-ins-jenseits-100.html
Deutschlandfunk – Religious Trauma Syndrome: Wenn Religion krank macht
https://www.deutschlandfunk.de/religious-trauma-syndrome-wenn-religion-krank-macht-100.html