Wenn wir an den Mars denken, sehen wir eine rote, staubige und seit Milliarden Jahren erstarrte Welt. Keine Ozeane, keine Wälder und keine sichtbaren Vulkanausbrüche. Ein Planet, der einmal lebendiger gewesen sein mag, inzwischen aber weitgehend zur Ruhe gekommen ist.
Neue Daten deuten jedoch auf ein gewaltiges Mars Magmasystem tief unter der Oberfläche hin.
Neue Untersuchungen der Messdaten des NASA-Landers InSight zeigen, dass die Kruste des Mars viel komplizierter aufgebaut ist als bisher angenommen. Unter dem Landeplatz in der Region Elysium Planitia fanden Wissenschaftler Hinweise auf Gesteinsschichten, aus denen früher große Mengen Magma aufgestiegen sein müssen. Gleichzeitig sprechen mehrere Messungen dafür, dass in höheren Bereichen der Marskruste noch immer Magmareservoire vorhanden sein könnten.
Der Mars sieht an der Oberfläche tot aus. In seinem Inneren erzählt er jedoch eine ganz andere Geschichte.
Was InSight unter dem Mars hörte
Die NASA-Mission InSight landete im November 2018 auf dem Mars und arbeitete dort mehr als vier Jahre lang. Ihr wichtigstes Instrument war ein hochempfindliches Seismometer, das Erschütterungen im Inneren des Planeten aufzeichnete.
Auf der Erde kennen wir solche Erschütterungen als Erdbeben. Auf dem Mars spricht man entsprechend von Marsbeben. Die dabei entstehenden Wellen bewegen sich durch unterschiedliche Gesteinsschichten und verändern dabei ihre Geschwindigkeit und Richtung.
Aus diesen Veränderungen können Forscher ablesen, wie ein Planet im Inneren aufgebaut ist.
Es ist ein wenig so, als würde man an eine Wand klopfen und aus dem Klang erkennen, ob sich dahinter massiver Stein, ein Hohlraum oder eine andere Schicht befindet. Nur dass es beim Mars nicht um eine Wand geht, sondern um einen ganzen Planeten.
Die neuen Analysen zeigen unter dem InSight-Landeplatz eine tiefere Krustenschicht, die besonders reich an schweren Mineralen ist. Sie dürfte entstanden sein, nachdem in der Vergangenheit große Mengen geschmolzenen Gesteins aus ihr herausgepresst wurden. Zurück blieb eine sogenannte ausgezehrte Kruste, aus der viele leichter schmelzende Bestandteile bereits verschwunden sind.
Die entsprechende Studie wurde 2026 in Nature Astronomy veröffentlicht.
Ein gewaltiges Mars Magmasystem statt einzelner kleiner Kammern
Besonders interessant wird es, wenn man diese neuen Ergebnisse mit anderen Messungen verbindet. Seismische Daten, Satellitenbeobachtungen und Untersuchungen von Marsgestein deuten gemeinsam darauf hin, dass sich in der oberen und mittleren Kruste Magmareservoire gebildet haben.
Das bedeutet nicht, dass unter der Oberfläche heute überall flüssige Lava durch riesige Tunnel strömt. Es zeigt aber, dass der Mars in seiner Vergangenheit ein weit verzweigtes System besessen haben könnte, durch das Magma aus tieferen Schichten nach oben wanderte.
Der Mars war damit womöglich nicht einfach ein Planet mit einigen einzelnen Vulkanen. Unter seiner Oberfläche könnte sich ein ganzes Netz aus Magmakammern, Aufstiegswegen und erstarrten Gängen befunden haben.
„Die Oberfläche des Mars wirkt ruhig. Doch seine Kruste trägt die Spuren eines Planeten, der im Inneren einmal gewaltig gearbeitet hat.“
Diese Vorstellung verändert auch unseren Blick auf die riesigen Marsvulkane. Olympus Mons, der größte bekannte Vulkan unseres Sonnensystems, erreicht eine Höhe von mehr als 20 Kilometern. Solche Berge entstehen nicht durch einen einzelnen kurzen Ausbruch.
Sie benötigen über lange Zeit immer wieder neues Magma aus dem Inneren.
Weil der Mars keine beweglichen Erdplatten wie die Erde besitzt, blieb seine Kruste über denselben heißen Stellen liegen. Das Magma konnte deshalb immer wieder am gleichen Ort aufsteigen und im Laufe gewaltiger Zeiträume riesige Vulkane auftürmen.
Ist der Mars wirklich geologisch tot?
Dass der Mars früher vulkanisch aktiv war, wissen wir schon lange. Viel schwieriger ist die Frage, ob diese Aktivität vollständig beendet ist.
In der Region Cerberus Fossae wurden geologisch sehr junge vulkanische Ablagerungen entdeckt. Einige könnten erst vor wenigen Zehntausend Jahren entstanden sein. Für uns klingt das uralt, für einen Planeten ist es beinahe gestern.
InSight zeichnete außerdem zahlreiche Marsbeben auf, von denen einige aus dieser Region kamen. Das beweist zwar keinen bevorstehenden Vulkanausbruch, zeigt aber, dass sich dort noch immer Spannungen im Gestein lösen.
Möglicherweise gibt es in tieferen Bereichen weiterhin Wärme oder teilweise geschmolzenes Material. Der Mars wäre dann kein völlig toter Planet, sondern ein Planet mit einem sehr langsamen Herzschlag.
Seine geologische Aktivität wäre nicht mit der Erde vergleichbar. Hier verschieben sich Kontinente, Vulkane brechen aus und der Meeresboden erneuert sich ständig. Auf dem Mars könnte sich über Jahrtausende kaum sichtbar etwas verändern und dann doch an einzelnen Stellen Bewegung auftreten.
Wärme, Wasser und die Frage nach Leben
Magmatische Aktivität ist nicht nur für Geologen interessant. Sie spielt auch bei der Suche nach Leben eine wichtige Rolle.
Leben benötigt nach unserem heutigen Verständnis vor allem flüssiges Wasser, eine Energiequelle und geeignete chemische Bestandteile. An der Oberfläche des Mars sind diese Bedingungen kaum vorhanden. Dort ist es kalt, trocken und die Strahlung ist stark.
Unter der Oberfläche könnte die Situation anders aussehen.
Wenn Wärme aus tieferen Bereichen auf unterirdisches Eis trifft, könnte zeitweise flüssiges Wasser entstehen. Magma und erhitztes Gestein könnten außerdem chemische Energie liefern. Auf der Erde existieren Mikroorganismen tief unter der Oberfläche, weit entfernt von Sonnenlicht, und leben von solchen chemischen Reaktionen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass es unter dem Mars automatisch Leben gibt. Wir haben dafür bisher keinen Beweis. Aber eine warme, wasserreiche Nische unter der Oberfläche wäre wesentlich interessanter als die eisige Wüste darüber.
„Vielleicht suchen wir das Leben auf dem Mars seit Jahren an der falschen Stelle. Nicht im roten Staub, sondern weit darunter.“
Sollten dort jemals Mikroorganismen existiert haben, könnten sie in geschützten unterirdischen Bereichen länger überlebt haben als an der Oberfläche. Vielleicht existieren irgendwo sogar noch heute winzige Lebensformen in Rissen, Gesteinsporen oder unterirdischen Wasservorkommen.
Das klingt nach Science-Fiction. Geologisch ist es jedoch nicht völlig abwegig.
Ein Planet ohne Plattentektonik
Die Erde bleibt geologisch aktiv, weil ihr Inneres heiß ist und ihre Oberfläche aus beweglichen Platten besteht. Diese Platten tauchen untereinander ab, kollidieren und reißen auseinander. Dadurch wird Material ständig zwischen Oberfläche und Tiefe ausgetauscht.
Der Mars besitzt dieses System nicht. Seine äußere Hülle besteht im Wesentlichen aus einer unbeweglichen Platte, die den ganzen Planeten umschließt. Man spricht von einem sogenannten Stagnant-Lid-Planeten.
Lange nahm man an, dass ein Planet ohne Plattentektonik relativ schnell zur Ruhe kommen müsse. Doch der Mars zeigt, dass die Wirklichkeit komplizierter ist. Wärme kann sich unter der festen Kruste sammeln, Magma kann punktuell aufsteigen und einzelne Regionen können über sehr lange Zeit aktiv bleiben.
Vielleicht ist Plattentektonik nicht die einzige Möglichkeit, einen Planeten innerlich am Leben zu halten. Sie ist nur die lauteste.
Der Mars könnte seine Wärme sehr langsam und ungleichmäßig abgeben. Einige Gebiete sind längst erstarrt, während andere tief im Inneren noch immer nicht vollständig zur Ruhe gekommen sind.
Was das für eine spätere Marskolonie bedeuten könnte
Für eine mögliche Besiedlung des Mars wären solche Erkenntnisse ebenfalls wichtig. Eine Kolonie müsste genau wissen, wie stabil der Untergrund ist, wo Marsbeben auftreten und ob bestimmte Gebiete geologisch aktiver sind als andere.
Niemand möchte seine erste Marsstation ausgerechnet über einer Zone errichten, in der sich regelmäßig Spannungen lösen oder heiße Gase durch den Boden aufsteigen.
Andererseits könnte Wärme aus dem Inneren auch nützlich sein. Geothermische Energie wäre auf dem Mars äußerst wertvoll, weil sie unabhängig von Sonnenlicht und Staubstürmen funktionieren könnte. Ob sie technisch nutzbar wäre, ist allerdings völlig offen.
Auch unterirdisches Wasser könnte in wärmeren Regionen leichter erreichbar sein. Für eine Marskolonie wäre Wasser nicht nur zum Trinken nötig, sondern auch für den Anbau von Pflanzen, die Sauerstoffproduktion und die Herstellung von Treibstoff.
Ausgerechnet die geologisch unruhigeren Orte könnten deshalb besonders interessant sein. Sie könnten Gefahren bergen, aber zugleich genau die Ressourcen bieten, die Menschen dort benötigen würden.
Warum wir noch immer so wenig wissen
So beeindruckend die Ergebnisse von InSight sind, sie stammen im Grunde von einem einzigen Messpunkt. Man stelle sich vor, ein Außerirdischer würde ein Seismometer irgendwo in Bayern aufstellen und daraus den vollständigen inneren Aufbau der Erde ableiten wollen.
Er würde einiges herausfinden. Aber längst nicht alles.
Der Mars ist ein ganzer Planet mit völlig unterschiedlichen Regionen, riesigen Vulkanen, tiefen Schluchten und gewaltigen Ebenen. Um seinen inneren Aufbau wirklich zu verstehen, bräuchten wir ein Netzwerk aus mehreren Messstationen.
Weitere Seismometer könnten zeigen, ob die entdeckten Strukturen nur unter Elysium Planitia vorkommen oder ob ähnliche Magmasysteme große Teile des Planeten durchziehen. Auch Bohrungen wären nötig, doch davon sind wir noch weit entfernt.
Bisher kratzen wir buchstäblich nur an der Oberfläche.
Meine Gedanken dazu
Mich fasziniert die Vorstellung, dass ein ganzer Planet jahrhundertelang als tot betrachtet wird, nur weil wir seine Oberfläche sehen. Der Mars liegt still unter seinem roten Staub, und trotzdem zeugen seine Beben und Gesteinsschichten von gewaltigen Vorgängen tief im Inneren.
Vielleicht machen wir bei Planeten denselben Fehler wie bei Menschen: Wir beurteilen sie nach dem, was außen sichtbar ist.
Der Mars hat keine grünen Landschaften, keine Meere und keine sichtbaren Vulkanausbrüche. Doch das bedeutet nicht, dass in seinem Inneren nichts mehr geschieht. Dort könnte noch immer Wärme aufsteigen, Gestein brechen und vielleicht sogar Wasser zeitweise flüssig werden.
Ob darunter Leben existiert oder jemals existierte, wissen wir nicht. Aber jede neue Entdeckung macht deutlich, dass der rote Planet kein einfacher gefrorener Stein ist.
„Vielleicht ist der Mars nicht tot. Vielleicht lebt er nur in einem Zeitmaßstab, den wir Menschen kaum wahrnehmen können.“
Ein menschliches Leben dauert einige Jahrzehnte. Ein Planet verändert sich über Millionen und Milliarden Jahre. Was für uns völlige Stille ist, könnte im Rhythmus des Mars nur eine kurze Pause sein.
Und vielleicht wartet tief unter seinem Staub noch eine Geschichte, die wir bisher nicht einmal zu erahnen beginnen.
Quellen
Die 2026 veröffentlichte Studie zur tieferen Marskruste in Nature Astronomy:
https://www.nature.com/articles/s41550-026-02907-5
NASA-Informationen zur InSight-Mission und ihren Messungen des Marsinneren:
https://science.nasa.gov/mission/insight/
NASA zur seismischen Aktivität und den Marsbeben aus der Region Cerberus Fossae:
https://www.jpl.nasa.gov/news/nasas-insight-records-monster-quake-on-mars/
Studie über mögliches flüssiges Wasser tief unter der Marsoberfläche:
https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2409983121