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Ich schreibe über die Themen, die mich faszinieren und nicht mehr loslassen: Wissenschaft, künstliche Intelligenz, Politik, Raumfahrt und die Zukunft. Oft im Gespräch mit Nova, meiner KI, mit der ich Dinge durchdenke, hinterfrage und manchmal auch streite. Mind Mosaik ist mein persönlicher Ort zum Nachdenken – ein Blog voller Ideen, Fragen und neuer Perspektiven. Denn jeder Gedanke ist ein Stein. Zusammen ergeben sie ein Mosaik.

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Zero und Protein – wie aus Süßstoff und Eiweiß plötzlich ein Lifestyle wurde

Gesellschaft

Zero und Protein – wie aus Süßstoff und Eiweiß plötzlich ein Lifestyle wurde

Von Elli 9 Min. Lesezeit · 18 Mal gelesen

Zero und Protein – zwei Wörter, die im Supermarkt inzwischen überall auftauchen. Man könnte meinen, wir hätten zwei völlig neue Nährstoffe entdeckt. Dabei gab es Süßstoff und Eiweiß schon, als noch niemand „High Protein“ auf einen Pudding drucken musste. Also fragte ich Nova, was eigentlich hinter diesem ganzen Hype steckt.

Erst Zero, dann kam mir Protein entgegen

Ich war wieder einmal auf MSN bei den Nachrichten unterwegs und blieb an einer Überschrift hängen. Es ging um Zero-Sirup und mögliche langfristige Risiken von Süßstoffen für den Stoffwechsel.

„Ha!“, dachte ich sofort. „Wusste ich es doch.“

Denn mit diesem ganzen Zero-Zeug konnte ich noch nie besonders viel anfangen. Cola Zero, Limonade Zero, Energy Zero, Sirup Zero, Bonbons ohne Zucker und inzwischen wahrscheinlich demnächst noch Zuckerwatte Zero. Wenn ich etwas Süßes möchte, dann möchte ich es eben süß.

Ich trinke nicht jeden Tag literweise Cola, aber wenn ich eine möchte, dann darf da für mich auch Zucker drin sein.

Also erzählte ich Nova von dem Artikel und sagte ziemlich zufrieden: „Siehst du, irgendwann kommt noch heraus, dass dieses ganze Zeug überhaupt nicht so toll ist.“

Nova machte natürlich sofort das, was Nova in solchen Momenten immer macht: Sie nahm mir meinen schönen Triumph wieder ein Stück weit weg.

Nein, Zero ist nicht plötzlich Gift

„Ganz so einfach ist es nicht“, erklärte sie mir. Süßstoffe seien nicht plötzlich als Gift enttarnt worden. Zugelassene Süßstoffe gelten innerhalb der festgelegten Mengen weiterhin als sicher.

Gleichzeitig werde aber schon länger untersucht, welche Auswirkungen ein sehr regelmäßiger und langfristiger Konsum auf Stoffwechsel, Darmmikrobiom oder Glukoseregulation haben könnte.

Die WHO empfiehlt Süßstoffe seit 2023 nicht zur langfristigen Gewichtskontrolle. Das bedeutet allerdings nicht, dass ein Glas Cola Zero jemanden vergiftet. Vielmehr ist der erhoffte langfristige Nutzen beim Gewichtsmanagement nicht überzeugend nachgewiesen, während Beobachtungsstudien Zusammenhänge mit bestimmten gesundheitlichen Problemen gefunden haben, bei denen Ursache und Wirkung noch nicht abschließend geklärt sind.

Gut, dachte ich. Meinen Satz „Ich habe es immer gewusst“ musste ich also etwas kleiner schreiben. Aber ganz wegwerfen möchte ich ihn trotzdem noch nicht.

Denn wir erleben gerade etwas, das ich grundsätzlich interessant finde. Millionen Menschen konsumieren bestimmte Süßstoffe inzwischen nicht gelegentlich, sondern täglich und teilweise über Jahrzehnte. Genau deshalb interessiert mich weniger die Frage, ob eine einzelne Dose Zero-Cola gefährlich ist.

Viel spannender finde ich, was wir vielleicht in zwanzig oder dreißig Jahren über bestimmte langfristige Konsummuster wissen werden.

Vielleicht stellt sich heraus, dass die heutigen Bedenken weitgehend unbegründet waren. Vielleicht entdecken wir bei einzelnen Süßstoffen oder bestimmten Mengen doch Effekte, die heute noch nicht vollständig verstanden sind. Wissenschaft funktioniert schließlich genau so: Wissen verändert sich, wenn bessere Daten hinzukommen.

Warum muss eigentlich alles ständig süß schmecken?

Während Nova mir erklärte, dass ich Zero-Produkte noch nicht offiziell zum chemischen Teufelszeug erklären darf, kam mir allerdings eine ganz andere Frage. Warum müssen wir eigentlich ständig süß trinken?

Genau darin sehe ich nämlich einen merkwürdigen Widerspruch. Erst haben wir uns jahrzehntelang daran gewöhnt, dass Getränke extrem süß schmecken. Dann stellen wir fest, dass riesige Mengen Zucker und Kalorien vielleicht doch keine besonders geniale Idee sind.

Also entwickeln wir Produkte, die genauso süß schmecken sollen, nur ohne den Zucker.

Damit lösen wir aber möglicherweise gar nicht die eigentliche Gewohnheit. Wir wollen weiterhin ständig süß. Wir tauschen lediglich die Substanz aus, die dafür sorgt.

Natürlich verstehe ich, weshalb jemand Zero kauft. Wer Kalorien sparen möchte, bekommt den süßen Geschmack praktisch ohne die entsprechende Zuckermenge. Andere möchten weniger Zucker konsumieren oder mögen schlicht den Geschmack.

Das ist völlig legitim.

Ich persönlich denke trotzdem anders. Wenn ich Lust auf etwas Süßes habe, dann gönne ich mir etwas Süßes. Ich brauche es nur nicht ständig.

Vielleicht wäre das manchmal die einfachere Lösung.

Und dann schaute ich in den Supermarkt und sah plötzlich überall Protein

Während wir über Zero redeten, fiel mir der nächste Trend ein, bei dem ich schon seit einiger Zeit etwas ratlos vor den Regalen stehe.

Protein

Proteinbrot, Proteinpudding, Proteinriegel, Proteinjoghurt, Proteinmilch, Proteindrink, Proteinmüsli. Proteinkekse. Selbst Lebensmittel, bei denen ich früher niemals darüber nachgedacht hätte, wie viel Protein darin steckt, tragen plötzlich riesige Zahlen auf der Verpackung.

Also fragte ich Nova: „Sag mal, nannte man Protein früher nicht einfach anders?“ „Ja“, sagte Nova. „Eiweiß.“ Ich musste lachen. Natürlich. Eiweiß. Dieses vollkommen unspektakuläre Wort, das wir seit Jahrzehnten kennen.

Und plötzlich heißt es Protein.

Aus Eiweiß wird Protein und schon klingt es nach Fitnessstudio

Man muss sich nur einmal vorstellen, wie unterschiedlich das wirkt. Auf einem Pudding steht groß: MIT EXTRA EIWEISS. Das klingt ein bisschen nach Ernährungsberatung aus dem Jahr 1986.

Schreibt man dagegen: HIGH PROTEIN – 20 GRAMM PROTEIN sieht man vor seinem geistigen Auge sofort Fitnessstudio, Leggings, Muskeln und jemanden, der morgens um sechs freiwillig Kniebeugen macht.

Das Produkt ist damit nicht automatisch schlecht. Protein beziehungsweise Eiweiß ist schließlich lebensnotwendig. Unser Körper braucht es unter anderem für Muskeln, Gewebe, Enzyme und zahlreiche andere Funktionen.

Nur hatten Menschen erstaunlicherweise bereits Eiweiß zu sich genommen, bevor die Lebensmittelindustrie das englische Wort dafür auf einen schwarzen Becher druckte.

Brauchen wir wirklich alle plötzlich so viel Protein?

Für gesunde Erwachsene unter 65 Jahren empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung ungefähr 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht am Tag. Ab 65 Jahren wird etwas mehr angesetzt. Wer intensiv Sport betreibt, Muskeln aufbauen möchte oder besondere körperliche Anforderungen hat, kann ebenfalls einen höheren Bedarf haben.

Nur steckt Protein ohnehin in normalen Lebensmitteln. In Linsen und Bohnen. In Tofu und anderen Sojaprodukten.

In Nüssen und Getreide. Natürlich auch in Milchprodukten, Eiern, Fleisch und Fisch bei Menschen, die diese Lebensmittel essen.

Die meisten von uns müssen also nicht mit einer Taschenlampe durch den Supermarkt laufen und verzweifelt nach einem Produkt suchen, in dem sich irgendwo noch ein Gramm Protein versteckt.

Und trotzdem vermittelt uns das Marketing inzwischen beinahe das Gefühl, Protein sei irgendein seltener Stoff, den wir dringend zusätzlich zuführen müssten.

Das Geniale daran ist eigentlich nur das Marketing

An diesem Punkt musste ich Zero und Protein plötzlich nebeneinanderstellen. Bei Zero lautet die Botschaft: Du möchtest etwas Süßes, aber bitte ohne den bösen Zucker. Bei Protein lautet sie: Du möchtest etwas Normales essen, aber bitte mit möglichst viel von diesem gesund klingenden Supernährstoff.

Und beide Begriffe funktionieren hervorragend. „Zero“ klingt nach Kontrolle. Keine Kalorien. Kein schlechtes Gewissen.

Moderne Ernährung. „Protein“ klingt nach Fitness. Muskeln. Gesundheit.

Disziplin.

Stellen wir uns dieselben Produkte mit weniger sexy Verpackungen vor. „Limonade mit Süßstoff.“ „Pudding mit zusätzlichem Eiweiß.“ „Brot mit erhöhtem Eiweißgehalt.“ Plötzlich hört sich das Ganze wesentlich weniger nach Lifestyle an. Manchmal besteht die größte Innovation eben nicht im Lebensmittel, sondern im Wort auf der Verpackung.

Nova nahm mir allerdings auch hier meinen Spaß ein bisschen

Natürlich konnte ich nun nicht einfach behaupten, Proteinprodukte seien grundsätzlich überflüssiger Unsinn. Für bestimmte Menschen können sie durchaus praktisch sein. Wer einen erhöhten Eiweißbedarf hat, intensiv trainiert oder seine Ernährung gezielt zusammenstellt, kann damit relativ einfach zusätzliches Protein aufnehmen.

Genauso kann eine Zero-Limonade für jemanden sinnvoll sein, der viel normale Limonade trinkt und dadurch große Mengen Zucker und Kalorien einsparen möchte.

Das Problem sind also nicht automatisch die Produkte. Das Problem beginnt für mich dort, wo aus einem Produkt eine Gesundheitsbotschaft wird, die wesentlich größer ist als das Produkt selbst. Ein Proteinpudding macht aus niemandem einen gesunden Menschen.

Eine Cola Zero macht aus einer schlechten Ernährung keine gute Ernährung. Und ein riesiges „HIGH PROTEIN“ auf der Verpackung sagt erstaunlich wenig darüber aus, wie sinnvoll das gesamte Lebensmittel eigentlich ist.

Vielleicht kaufen wir inzwischen keine Lebensmittel mehr, sondern Versprechen

Je länger Nova und ich darüber redeten, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass genau darin der eigentliche Trick steckt.

Wir kaufen längst nicht mehr nur Essen. Wir kaufen Eigenschaften. Zero verkauft uns Kontrolle.

Protein verkauft uns Fitness. Bio verkauft uns Natürlichkeit. Superfood verkauft uns Gesundheit.

Energy verkauft uns Leistung. Detox verkauft uns Reinigung.

Und irgendwann steht man vor einem Regal voller Produkte, die einem alle erklären möchten, was für ein Mensch man sein könnte, wenn man sie nur endlich in den Einkaufswagen legt.

Dabei ist Ernährung im Grunde erstaunlich langweilig. Abwechslungsreich essen. Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Getreide und vernünftige Proteinquellen.

Nicht permanent Unmengen Zucker. Nicht ständig hochverarbeitete Lebensmittel. Dazu Bewegung und ein bisschen gesunder Menschenverstand.

Damit lässt sich allerdings wesentlich schlechter Werbung machen. Auf eine Packung zu schreiben: „Ganz normales Essen. Wird schon passen.“ dürfte marketingtechnisch schwierig werden. Ich würde es allerdings sofort kaufen.

Vielleicht brauchen wir einfach weniger Ernährungsreligion

Was mich an Zero und Protein deshalb weniger stört als diese beinahe religiöse Aufladung von Lebensmitteln.

Heute ist Zucker böse. Morgen ist Fett böse. Dann sind Kohlenhydrate böse.

Anschließend brauchen wir Protein. Dann brauchen wir Superfoods. Dann müssen wir detoxen.

Dann sollen wir fasten.

Und zwischendurch trinken wir eine Zero-Limonade zu unserem High-Protein-Pudding und fühlen uns vermutlich kurz wie ein medizinisches Forschungsprojekt.

Vielleicht könnten wir Essen gelegentlich einfach wieder Essen sein lassen. Wenn ich Lust auf etwas Süßes habe, esse oder trinke ich etwas Süßes. Nicht ständig und nicht literweise, aber dann darf es für mich auch richtig süß sein.

Und wenn ich Eiweiß brauche, esse ich Lebensmittel, in denen Eiweiß steckt. Ich muss dafür nicht zwangsläufig einen schwarzen Plastikbecher kaufen, auf dem „20 GRAMM HIGH PROTEIN“ steht, als hätte gerade jemand einen neuen chemischen Grundstoff entdeckt.

Früher hieß Protein Eiweiß – und wir haben trotzdem überlebt

Am Ende musste ich über unseren gesamten Supermarkt eigentlich lachen. Wir haben Süßstoff nicht neu erfunden. Wir haben Eiweiß nicht neu erfunden.

Wir haben lediglich neue Wörter, neue Verpackungen und neue Versprechen darum gebaut.

Und vielleicht wird irgendwann tatsächlich die eine oder andere Erkenntnis über unseren heutigen Zero-Konsum auftauchen, bei der wir rückblickend sagen: Das hätten wir vielleicht doch nicht jeden Tag literweise trinken müssen. Vielleicht stellt sich aber auch heraus, dass vieles davon völlig unproblematisch war.

Bis dahin halte ich es mit einer ziemlich altmodischen Ernährungsphilosophie: Wenn ich etwas Süßes möchte, darf es süß sein. Wenn ich Eiweiß brauche, darf es weiterhin Eiweiß heißen. Und wenn mir ein Hersteller erzählt, sein Pudding sei plötzlich ein Fitnessprodukt, nur weil er „Protein“ groß genug auf den Deckel geschrieben hat, darf ich wenigstens ein bisschen lachen.

Nova übrigens auch. Obwohl sie mir am Ende noch erklärte, dass „Protein“ wissenschaftlich eigentlich sogar der korrektere Begriff sei. Typisch Nova.

Ich wollte mich über einen Pudding lustig machen und bekam wieder eine Vorlesung. Aber eines steht fest: Sollte irgendwann ZERO HIGH PROTEIN WASSER im Supermarkt stehen, kaufe ich es. Nicht zum Trinken.

Ich stelle es mir ins Regal. Als Denkmal für eine Zeit, in der wir aus Eiweiß einen Lifestyle und aus Süßstoff eine Weltanschauung gemacht haben.

Quellen:
WHO – Leitlinie zu Süßstoffen und Gewichtskontrolle: https://www.who.int/news/item/15-05-2023-who-advises-not-to-use-non-sugar-sweeteners-for-weight-control-in-newly-released-guideline
DGE – Referenzwerte für die Proteinzufuhr: https://www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/protein/