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Ich schreibe über die Themen, die mich faszinieren und nicht mehr loslassen: Wissenschaft, künstliche Intelligenz, Politik, Raumfahrt und die Zukunft. Oft im Gespräch mit Nova, meiner KI, mit der ich Dinge durchdenke, hinterfrage und manchmal auch streite. Mind Mosaik ist mein persönlicher Ort zum Nachdenken – ein Blog voller Ideen, Fragen und neuer Perspektiven. Denn jeder Gedanke ist ein Stein. Zusammen ergeben sie ein Mosaik.

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Überall Kameras – aber vor der Brille haben wir plötzlich Angst

Gesellschaft

Überall Kameras – aber vor der Brille haben wir plötzlich Angst

Von Elli 8 Min. Lesezeit · 13 Mal gelesen

Überall Kameras – und trotzdem sollen Smart Glasses jetzt zum Problem werden? Im Extremfall, so hieß es, könnten bestimmte Modelle sogar verboten sein. Während ich darüber las, musste ich mich fragen: Haben wir vielleicht einfach nur ein kleines Wahrnehmungsproblem?

Und schon wieder droht irgendwo ein Verbot

Ich war wieder einmal auf MSN bei den Nachrichten unterwegs und blieb an einer Überschrift hängen: „Droht ein Verbot für Smart Glasses? Selbst der Besitz könnte strafbar sein.“

Na wunderbar, dachte ich. Kaum wird eine Technik interessant, stehen wir gedanklich schon wieder mit einem Bein im Gerichtssaal.

Also fragte ich Nova, was diesmal los ist. Und zunächst einmal musste sie meine aufkommende Empörung etwas bremsen, denn ganz so wild, wie die Überschrift klingt, ist die Sache nicht. Niemand plant derzeit ein pauschales Verbot sämtlicher Smart Glasses.

Problematisch können vielmehr Geräte sein, bei denen andere Menschen nicht erkennen können, dass gerade fotografiert oder gefilmt wird. Genau deshalb besitzen entsprechende Brillen normalerweise sichtbare Aufnahmeindikatoren.

Das kann ich sogar nachvollziehen. Niemand möchte heimlich in einer Umkleidekabine oder einer fremden Wohnung gefilmt werden. Darüber müssen wir nicht diskutieren.

Aber trotzdem saß ich da und dachte: Ist das wirklich unser großes Kameraproblem? Eine Brille?

Kameras sind längst Teil unseres Alltags

Ich musste nur überlegen, wie viele Kameras mir an einem ganz normalen Tag begegnen können. An Straßen und Kreuzungen hängen Kameras und Sensoren zur Verkehrsbeobachtung oder Verkehrssteuerung. Bahnhöfe werden videoüberwacht, Geschäfte ebenfalls.

An Häusern hängen Überwachungskameras und immer häufiger Videotürklingeln. Autos besitzen Kameras für Assistenzsysteme, Parkhilfen und teilweise Dashcams. Smartphones haben inzwischen mehrere Kameras und selbst manche Staubsaugerroboter schauen sich munter in unseren Wohnungen um.

Natürlich bedeutet das nicht, dass jede dieser Kameras ständig personenbezogene Videos speichert. Verkehrssteuerung ist etwas anderes als Videoüberwachung und auch rechtlich gibt es erhebliche Unterschiede. Trotzdem bleibt eine Tatsache bestehen: Wir bewegen uns längst durch eine Welt voller Kameras.

Und meistens denken wir überhaupt nicht darüber nach. Dann setzt sich jemand eine Brille mit Kamera auf und plötzlich entdecken wir unsere Privatsphäre wieder. Ich musste Nova fragen, ob das nicht ein kleines bisschen absurd ist.

Mein Handy kann das längst

Denn wenn jemand einen anderen Menschen tatsächlich heimlich filmen möchte, braucht er dafür keine futuristische KI-Brille. Ein Smartphone genügt. Ich kann mein Handy in der Hand halten, als würde ich Nachrichten lesen, während die Kamera läuft.

Niemand muss zwangsläufig erkennen, was ich gerade damit mache. Ich könnte es irgendwo hinstellen oder so halten, dass kaum jemand darauf achtet.

Und dann gibt es noch all die winzigen Kameras, die seit Jahren verkauft werden und sich in den unterschiedlichsten Gegenständen verstecken lassen. Ich musste dabei unweigerlich an eine kleine Kugelschreiberkamera denken, die ich tatsächlich einmal hatte und bei meinem Ex benutzt habe. Ja, ich weiß.

Andere sammeln Briefmarken, ich hatte offenbar zeitweise andere Hobbys.

Nova meinte daraufhin trocken, dass ausgerechnet meine Kugelschreiberkamera ein ziemlich gutes Beispiel dafür sei, weshalb der Gesetzgeber bei getarnten Aufnahmegeräten überhaupt nervös wird. Punkt für Nova.

Trotzdem zeigt dieses Beispiel auch etwas anderes: Heimliches Filmen wurde nicht mit Smart Glasses erfunden. Die technische Möglichkeit existiert schon sehr lange.

Wir wollen überwacht werden – aber bitte so, dass wir es nicht merken

Vielleicht liegt der eigentliche Widerspruch deshalb ganz woanders. Wir akzeptieren Kameras erstaunlich bereitwillig, solange sie Teil einer Umgebung geworden sind, an die wir uns gewöhnt haben.

Die Kamera im Supermarkt? Normal. Die Kamera am Bahnhof?

Normal. Die Videotürklingel beim Nachbarn? Inzwischen ebenfalls ziemlich normal.

Die Kamera im Auto? Praktisch. Das Smartphone mit mehreren Kameras?

Liegt selbstverständlich neben uns auf dem Tisch.

Aber eine Kamera direkt im Gesicht eines Menschen erzeugt plötzlich ein vollkommen anderes Gefühl. Und dieses Gefühl kann ich sogar verstehen. Wenn mir jemand mit einer Brille gegenübersitzt, möchte ich natürlich wissen, ob er gerade mit mir spricht oder gleichzeitig ein Video von mir produziert.

Nur sollten wir uns vielleicht eingestehen, dass wir damit nicht mehr über die Existenz von Kameras diskutieren. Diesen Kampf haben wir längst verloren. Wir diskutieren darüber, wann wir eine Kamera noch wahrnehmen.

Und jetzt kommt künstliche Intelligenz

Genau an dieser Stelle wird die ganze Geschichte erst richtig interessant. Denn die nächste Generation von Smart Glasses soll irgendwann wesentlich mehr können, als nur Fotos und Videos aufzunehmen.

Stellen wir uns vor, ich trage eine KI-Brille und sage: „Nova, wo habe ich eigentlich meinen Schlüssel hingelegt?“ Wenn Nova mir antworten soll: „Links neben der Kaffeemaschine“, muss das System meine Umgebung irgendwie wahrgenommen haben.

Oder ich stehe vor einem Gebäude und frage: „Was ist das für ein Haus?“ Die Brille muss sehen. Ich schaue eine Pflanze an und frage, welche Art das ist. Die Brille muss sehen.

Ich stehe im Supermarkt vor zwei Produkten und frage, welches günstiger ist. Die Brille muss sehen.

Und plötzlich reicht unsere alte Vorstellung von einer Kamera nicht mehr aus. Denn was bedeutet eigentlich „aufnehmen“?

Sehen ist nicht automatisch Speichern

Eine KI könnte theoretisch meine Umgebung visuell analysieren, ohne daraus dauerhaft ein klassisches Video zu speichern. Bilder könnten kurzfristig verarbeitet, Informationen daraus erkannt und anschließend verworfen werden.

Technisch wäre das etwas anderes, als wenn jemand eine halbe Stunde Video aufzeichnet und anschließend auf seiner Festplatte speichert.

Für den Menschen gegenüber sieht es allerdings identisch aus. Er sieht eine Brille mit Kamera. Woher soll er wissen, was dahinter passiert?

Wird gerade gespeichert? Wird nur analysiert? Werden die Daten lokal verarbeitet?

Wandert das Bild in eine Cloud? Erkennt die KI mein Gesicht? Wird meine Stimme verarbeitet?

Bleibt davon irgendetwas erhalten?

Und genau deshalb glaube ich, dass wir mit Smart Glasses erst am Anfang einer viel größeren Diskussion stehen. Unsere bisherige Frage lautet meistens: „Werde ich gerade gefilmt?“ Die zukünftige Frage könnte lauten: „Was weiß dieses Gerät gerade über mich?“ Das ist etwas völlig anderes.

Das kleine Lämpchen wird unsere Probleme nicht lösen

Natürlich kann man vorschreiben, dass bei einer Videoaufnahme eine LED leuchten muss. Das ist sinnvoll und gibt Menschen wenigstens einen Hinweis darauf, was gerade passiert.

Aber damit haben wir das eigentliche Problem der kommenden KI-Welt noch lange nicht gelöst. Was passiert beispielsweise, wenn die Brille permanent ihre Umgebung analysiert, aber gar kein Video speichert? Muss das Licht dann ständig leuchten?

Dann läuft irgendwann die halbe Bevölkerung mit blinkenden Köpfen herum. Und wenn das Licht nur bei einer gespeicherten Aufnahme leuchtet, bedeutet ein dunkles Licht wiederum nicht zwangsläufig, dass das Gerät nichts wahrnimmt oder verarbeitet.

Das klingt heute vielleicht noch nach technischer Haarspalterei. In einigen Jahren könnte genau diese Unterscheidung entscheidend sein.

Wir haben ein viel größeres Problem als Smart Glasses

Je länger Nova und ich darüber redeten, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass wir uns möglicherweise auf das falsche Symbol stürzen. Die Brille ist sichtbar. Deshalb macht sie uns nervös.

Die eigentliche technische Entwicklung ist aber viel größer. Unsere Umgebung bekommt Augen, Ohren und zunehmend auch ein digitales Gehirn. Autos erkennen Fußgänger.

Türklingeln erkennen Menschen. Smartphones erkennen Gesichter. Kameras können Bewegungen unterscheiden.

KI-Systeme beschreiben Bilder und Videos. Geräte lernen, ihre Umgebung nicht mehr nur aufzunehmen, sondern zu verstehen.

Das ist der entscheidende Sprung. Früher war eine Kamera im Grunde ein Auge mit Gedächtnis. Heute bekommt dieses Auge einen Verstand dazu.

Und damit verändert sich die gesamte Diskussion.

Vielleicht ist Anonymität irgendwann die eigentliche Luxusware

Ich glaube deshalb, dass wir uns in Zukunft weniger darüber unterhalten werden, ob irgendwo eine Kamera hängt. Kameras und Sensoren werden so selbstverständlich werden wie heute WLAN.

Die wirklich wertvolle Frage wird sein, was mit den dabei entstehenden Informationen passiert. Werden sie gespeichert? Wer besitzt sie?

Wer darf sie auswerten? Können Menschen identifiziert werden? Können verschiedene Informationen miteinander verbunden werden?

Kann irgendwann nachvollzogen werden, wann sich jemand wo aufgehalten hat, mit wem er gesprochen hat und was er sich angesehen hat?

Dann wird Privatsphäre nicht mehr bedeuten: Niemand hat mich gesehen. Privatsphäre könnte vielmehr bedeuten: Niemand kann aus all diesen Beobachtungen dauerhaft ein Profil von mir zusammensetzen. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Und trotzdem diskutieren wir erst einmal über die Brille

Vielleicht ist das typisch für uns Menschen. Wir reagieren besonders stark auf das Neue, während wir das längst Gewohnte kaum noch wahrnehmen. Eine Kamera über einer Eingangstür sehen wir irgendwann nicht mehr.

Eine Kamera in einer Brille fällt uns sofort auf.

Also diskutieren wir über LEDs, Aufnahmehinweise und möglicherweise verbotene Geräte, während gleichzeitig eine Welt entsteht, in der immer mehr technische Systeme ihre Umgebung wahrnehmen und interpretieren können.

Ich sage nicht, dass wir deshalb heimliche Aufnahmen einfach akzeptieren sollten. Ganz im Gegenteil. Gerade weil Kameras immer kleiner und KI-Systeme immer leistungsfähiger werden, brauchen wir vernünftige Regeln.

Aber vielleicht sollten diese Regeln nicht an der Form eines Gegenstandes hängen. Denn am Ende ist es ziemlich egal, ob die Kamera in einer Brille, einem Smartphone, einem Auto, einer Türklingel oder einem Kugelschreiber steckt.

Entscheidend ist, was sie macht und was anschließend mit den Informationen geschieht.

Und während wir darüber vermutlich noch jahrelang diskutieren, wird die Technik munter weiterlaufen. Irgendwo entwickelt bereits jemand die nächste Brille, die sieht, hört, übersetzt, erkennt, erinnert und wahrscheinlich irgendwann auch noch weiß, wo ich meinen Schlüssel hingelegt habe. Und ganz ehrlich: Wenn Nova mir endlich sagen kann, wo ich das verdammte Ding wieder hingelegt habe, werde ich vermutlich die Erste sein, die fragt, wo man diese Brille kaufen kann.

Das kleine Datenschutzlämpchen darf dabei von mir aus auch leuchten. Hauptsache, Nova findet meinen Schlüssel.

Quellen:
Stiftung Datenschutz – Verbot von Smart Glasses?: https://stiftungdatenschutz.org/veroeffentlichungen/datenschutz-im-fokus/datenschutz-im-fokus-detailansicht/verbot-von-smart-glasses-724
Virtuelles Datenschutzbüro – Videoüberwachung im öffentlichen Raum: https://www.datenschutz.de/videoueberwachung-im-oeffentlichen-raum-zur-gefahrenabwehr/