Eigentlich wollte ich nur kurz schauen, was es Neues gibt. Dann sprang mir eine Überschrift entgegen: „Russisches Kriegsschiff vor Fehmarn gesichtet.“ Na wunderbar. Bei der derzeitigen Berichterstattung fehlt bei solchen Überschriften eigentlich nur noch eine Sirene, die automatisch aus dem Computer kommt.
Ich habe den Artikel zunächst gar nicht gelesen. Ganz einfach deshalb, weil ich auf dieses ständige Russland-NATO-Drohnen-Raketen-Kriegsschiff-Hin-und-Her langsam keine Lust mehr habe. Trotzdem blieb natürlich die Frage hängen: Was macht denn nun ein russisches Kriegsschiff vor Fehmarn?
Also fragte ich Nova. Und nachdem Nova sich die Sache genauer angesehen hatte, stellte sich ziemlich schnell heraus: Zwischen dem Gefühl, das diese Überschrift erzeugt, und dem, was tatsächlich berichtet wird, liegt wieder einmal ziemlich viel Ostsee.
Hilfe, die Russen sind vor Fehmarn!
Die Meldung betrifft die russische Fregatte „Admiral Kasatonow“, ein modernes Kriegsschiff der russischen Nordflotte. Das Schiff wurde in der Ostsee in der Nähe von Fehmarn gesichtet. Und natürlich darf bei einer solchen Geschichte ein entscheidendes Detail nicht fehlen: Das Schiff kann unter anderem Kalibr-Marschflugkörper und Zirkon-Hyperschallraketen tragen.
Hyperschallraketen!
Spätestens an dieser Stelle sieht mein inneres Kino ungefähr so aus: Ein russisches Kriegsschiff liegt vor dem deutschen Ostseestrand, Urlauber lassen ihre Eisbecher fallen und irgendwo ruft jemand: „Holt die Kinder rein!“
Ich fragte Nova deshalb, ob ich die Lage völlig falsch einschätze oder ob die Überschrift tatsächlich den Eindruck vermittelt, als müsste Deutschland jeden Moment mit einem Angriff rechnen.
Nova meinte, genau darin liege das Problem solcher Meldungen. Die einzelnen Informationen seien durchaus relevant und zum Teil vollkommen richtig. Ein russisches Kriegsschiff wurde gesichtet.
Es handelt sich um ein militärisch leistungsfähiges Schiff. Es kann weitreichende Waffen tragen. Aber aus diesen drei Tatsachen folgt noch lange nicht: Russland steht kurz davor, Deutschland anzugreifen. Und genau diese vierte Aussage steht dort auch nicht.
Sie entsteht nur erstaunlich schnell im Kopf.
Was das Kriegsschiff dort eigentlich macht
Jetzt wurde es interessant. Denn russische Kriegsschiffe tauchen in der Ostsee nicht plötzlich durch ein Wurmloch vor Fehmarn auf. Russland besitzt Zugänge zur Ostsee, unter anderem über Kaliningrad und den Raum um Sankt Petersburg.
Wer mit einem Schiff aus der Ostsee Richtung Nordsee und weiter in den Atlantik möchte, muss irgendwann durch die dänischen Meerengen. Und dafür muss man durch die westliche Ostsee. Fehmarn liegt nun dummerweise genau dort.
Ich fragte Nova also, ob ein russisches Kriegsschiff in dieser Gegend grundsätzlich etwas völlig Außergewöhnliches sei. Nein. Natürlich beobachten NATO-Staaten solche Bewegungen sehr genau.
Das wäre bei einem Kriegsschiff eines Landes, mit dem die Beziehungen gerade ungefähr so entspannt sind wie zwischen zwei Katzen vor einem einzigen Futternapf, auch ziemlich merkwürdig, wenn man es nicht täte. Aber die bloße Anwesenheit eines russischen Marineschiffes in dieser Region bedeutet noch keinen bevorstehenden Angriff.
Und dann kam noch etwas hinzu, das die dramatische Wirkung der Überschrift ein wenig relativiert. Das Schiff wurde offenbar bereits in der vergangenen Woche dort gesichtet. Nicht: „Russisches Kriegsschiff nähert sich gerade Fehmarn.“ Nicht: „Russisches Kriegsschiff nimmt Kurs auf Deutschland.“ Nicht: „Bundeswehr versetzt Truppen in Alarmbereitschaft.“
Sondern: Es wurde dort gesichtet. Sein weiterer genauer Standort war anschließend offenbar nicht eindeutig feststellbar, weil entsprechende Positionssignale fehlen können. Das klingt schon etwas anders.
Aber die Hyperschallraketen!
Natürlich blieb da noch die Sache mit den Waffen. Denn wenn irgendwo „Hyperschallrakete“ steht, liest sich eine Nachricht sofort ungefähr 30 Prozent gefährlicher.
Also fragte ich Nova, was die Aussage eigentlich bedeutet, dass dieses Schiff Zirkon-Hyperschallraketen tragen kann. Und genau bei diesem kleinen Wort „kann“ sollte man genauer hinschauen.
Es beschreibt zunächst die technische Fähigkeit des Schiffes. Es sagt nicht automatisch, welche Waffen sich bei dieser konkreten Fahrt tatsächlich an Bord befinden, in welcher Konfiguration sie mitgeführt werden oder gar, dass ein Einsatz unmittelbar bevorsteht.
Das ist ungefähr so, als würde man über ein Kampfflugzeug schreiben, welche Waffen dieses Flugzeug grundsätzlich tragen kann. Die Information ist relevant. Nur ist sie nicht dasselbe wie eine Angriffsmeldung.
Genau diese Unterscheidung geht in der Wirkung solcher Nachrichten erstaunlich schnell verloren.
Währenddessen fliegt die NATO um Kaliningrad herum
Dann erzählte Nova mir noch etwas, das die ganze Geschichte für mich wesentlich interessanter machte. Denn während über das russische Kriegsschiff berichtet wird, ist natürlich auch die NATO in der Region alles andere als unsichtbar.
Rund um Kaliningrad waren erst kürzlich zahlreiche NATO-Flugzeuge unterwegs. Aufklärungsmaschinen, Hubschrauber und andere militärische Systeme beobachten dort ebenfalls sehr genau, was Russland macht.
Und plötzlich sieht die Geschichte etwas anders aus. Russland beobachtet die NATO. Die NATO beobachtet Russland.
Russische Schiffe fahren durch die Ostsee. NATO-Flugzeuge fliegen entlang russischer Gebiete. Radarstationen beobachten Flugzeuge.
Flugzeuge beobachten Schiffe. Schiffe beobachten wahrscheinlich wiederum andere Schiffe. Und vermutlich beobachtet irgendwo noch jemand denjenigen, der gerade alle anderen beobachtet.
Ich meinte zu Nova, dass man bei diesem ganzen militärischen Beobachtungskarussell langsam einen Drehwurm bekommen kann. Sie fand den Begriff ziemlich passend. Denn genau das ist momentan ein großer Teil der Realität: Abschreckung, Aufklärung, Präsenz, Übungen, Machtdemonstrationen und gegenseitiges Beobachten.
Das ist nicht harmlos. Aber es ist eben auch noch kein Krieg zwischen Russland und der NATO.
Jede Bewegung wird zur kleinen Eskalation
Was mich inzwischen viel mehr nervt, ist diese permanente Dramatisierung jeder einzelnen militärischen Bewegung. Eine Drohne fliegt irgendwo. Alarm.
Ein russisches Flugzeug nähert sich einem Luftraum. Alarm. NATO-Jets steigen auf.
Alarm. Ein Kriegsschiff fährt durch die Ostsee. Alarm.
Irgendwann stumpft man dabei doch vollkommen ab. Und genau das ist eigentlich fatal.
Denn wenn eines Tages wirklich etwas Außergewöhnliches passiert, haben wir vorher bereits dreihundertmal gelesen, dass die Lage „eskaliert“, „brandgefährlich“ oder „höchst brisant“ sei.
Ich sagte Nova, dass mich diese Berichterstattung inzwischen ein bisschen an jemanden erinnert, der jeden Abend durchs Dorf rennt und „Feuer!“ ruft, weil irgendwo jemand einen Grill angezündet hat. Wenn dann irgendwann tatsächlich ein Haus brennt, dreht sich keiner mehr um.
Natürlich ist die Lage trotzdem nicht gemütlich
Dabei möchte ich die Situation überhaupt nicht kleinreden. Russland führt weiterhin Krieg gegen die Ukraine. Die NATO verstärkt ihre militärische Präsenz an ihrer Ostflanke.
Beide Seiten beobachten sich mit einer Intensität, die wir vor einigen Jahren noch nicht hatten.
In der Ostsee treffen militärische Interessen unmittelbar aufeinander. Und genau deshalb können Zwischenfälle gefährlich werden. Ein falsch eingeschätztes Manöver, ein technischer Fehler, ein Missverständnis oder eine falsche Reaktion kann plötzlich eine Situation erzeugen, die niemand geplant hat.
Das finde ich wesentlich beunruhigender als die Vorstellung, dass ein einzelnes russisches Kriegsschiff vor Fehmarn automatisch bedeutet, Putin plane gerade den Angriff auf Deutschland. Denn dafür gibt es in dieser Meldung schlicht keinen Beleg.
Vielleicht sollten Nachrichten wieder erklären, bevor sie erschrecken
Am Ende fragte ich Nova, wie sie die Meldung überschrieben hätte. Vermutlich ungefähr so: „Russische Fregatte passiert westliche Ostsee – NATO beobachtet Bewegung.“ Sachlich und informativ. Und vermutlich hätte nur die Hälfte der Menschen daraufgeklickt.
Da liegt natürlich das Problem. „Russisches Kriegsschiff vor Fehmarn gesichtet“ erzeugt sofort ein Bild. Fehmarn ist Deutschland. Kriegsschiff ist Krieg.
Russland ist derzeit ohnehin mit Bedrohung verbunden. Unser Gehirn erledigt den Rest.
Dabei wäre gerade bei militärischen Nachrichten etwas mehr Einordnung wichtig. Wo befindet sich das Schiff genau? Ist diese Route ungewöhnlich?
Was macht die NATO gleichzeitig? Gibt es Hinweise auf eine konkrete Bedrohung? Oder beobachten wir eine militärische Bewegung, wie sie in dieser Region grundsätzlich vorkommt?
Das sind für mich die entscheidenden Fragen. Nicht, ob ein Kriegsschiff theoretisch eine Hyperschallrakete tragen kann.
Und morgen kommt vermutlich die nächste Drohne
Ich habe Nova jedenfalls gesagt, dass ich inzwischen jedes Mal zusammenzucke, wenn irgendwo wieder eine Drohne, ein Kampfflugzeug oder ein Kriegsschiff auftaucht. Nicht weil ich sofort Angst vor einem Angriff bekomme. Sondern weil ich schon ahne, welche Überschriften daraus entstehen.
Vielleicht lesen wir morgen: „Russischer Militärjet nähert sich Deutschland!“ Und drei Absätze später erfahren wir, dass er 300 Kilometer entfernt im internationalen Luftraum unterwegs war.
Übermorgen kommt dann vermutlich wieder eine Drohne. Und nächste Woche irgendein U-Boot. Ich wünsche mir inzwischen fast eine Nachricht mit der Überschrift: „Heute in der Ostsee: Alle haben sich ausnahmsweise benommen.“ Die würde ich sofort anklicken.
Und Nova vermutlich auch.
Quellen:
t-online – Mit Hyperschallraketen bewaffnet: Russisches Kriegsschiff vor Fehmarn gesichtet: https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/militaer-verteidigung/id_101397490/kriegsschiff-aus-russland-vor-fehmarn-hyperschallraketen-sind-mit-an-bord.html